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"Der Herbst ist immer die beste Zeit."
(Johann Wolfgang von Goethe)

[01] KRUX - Krux (2002)

Sachkundigen Doom-Freunden muss man zweifellos nicht erklären, wer Leif Edling ist: Nicht nur seit den alten NEMESIS-Tagen und natürlich mit seiner bekanntesten Band CANDLEMASS beackert der Schwede das Terrain des gepflegten Schwermetalls mit der besonderen Note. Neben AVATARIUM sind auch die momentan offenbar auf Eis liegenden KRUX zu nennen, die es in knapp zehn Jahren auf immerhin drei Studioalben und eine Live-DVD brachten, wobei die letzte Veröffentlichung von 2011 stammt. Da zwischen den Longplayern immer eine Zeitspanne von vier bis fünf Jahren lag, wäre rein turnusgemäß mal wieder ein Album fällig, allerdings dürften sowohl Edling wie auch seine Kollegen mit anderen Projekten sehr gut ausgelastet sein.

Die Besetzung des Erstlings steht einerseits für Qualität, zeigt aber auch, wie eng die Musiker mit anderen Bands und somit regelmäßigen Verpflichtungen verbunden sind. Neben Edling spielten auf dem Debüt Drummer Peter Stjärnvind (MERCILESS, ex-ENTOMBED), Gitarrist Jörgen Sandström (live für CANDLEMASS tätig sowie früher bei GRAVE und ENTOMBED) und Sänger Mats Leven, der unter anderem für YNGWIE MALMSTEEN und THERION sang und ebenfalls zur aktuellen CANDLEMASS-Besetzung gehört.

KRUX verkörpern jene Sorte des Doom, die auch dem Zusatz "Metal" entsprechend Raum gibt. Mit schwerem Gitarrensound im Gepäck versinkt das Quartett nicht in ehrfurchtgebietender Zeitlupe, sondern transportiert eine Menge Energie - sehr gut nachzuhören auch auf der Live-DVD von 2003, die bis auf zwei Coverversionen aus dem Fundus von ABSTRAKT ALGEBRA (einer weiteren Edling-Kreation) und CANDLEMASS mit den Songs des KRUX-Debüts bestückt ist. Schon der Opener "Black Room" legt die Messlatte hoch, denn was da aus den Boxen wummert, ist eine soundtechnisch fein abgestimmte Doomwalze der Handelsklasse 1.

Stilistisch setzt das KRUX-Material weniger auf die großen, epischen Melodien denn auf Muskelkraft in Moll, sprich: eindrucksvoll nachwirkende Riffs. Genügend Abwechslung gibt's dennoch, etwa in Form des akustischen Intermezzos "Sibiria" oder mit dem Bass-Gedröhne in "Evel Rifaz". Eine größere Herausforderung für Freunde dramaturgisch leichter Kost könnte der Rausschmeißer "Lunochod" darstellen, ein zwölf Minuten langer Brocken mit eigenwilliger Struktur. Aber das sollte man sportlich sehen, denn manches will einfach erarbeitet werden und offenbart dann seine Qualitäten. Einen richtigen Ausfall hat "Krux" jedenfalls nicht ansatzweise zu verzeichnen, sodass die 50 Minuten Spielzeit einen sehr angenehmen Gesamteindruck hinterlassen.

Die erste KRUX-Scheibe ist auf CD momentan nicht günstig zu bekommen, als Ausweichmöglichkeit bieten sich der mp3-Download an oder gleich die erwähnte Live-DVD. Sie enthält bis auf "Sibiria" das komplette Material des Albums sowie die beiden erwähnten Coverstücke. Professionell mit fünf Kameras gefilmt und mit einem hervorragenden Sound eingefangen läuft der Gig knapp über 63 Minuten, ergänzt von einem zehnminütigen Interview mit Leif und Jörgen, dem Video zu "Black Room" und einer kleinen Bildergalerie.

- Stefan - 10/2016


[02] FREE - The Free Story (1973)

Ich fand rund 30 Jahre lang keinen Zugang zu FREE´s Musik. Als 17-jähriger fiel mir ein Livealbum in die Hände, "FREE Live", so der simple Albumtitel. Die Musik wirkte auf mich einfach wie der Titel - zu einfach. Rhythmisch träge, ohne die Heaviness von Bands wie Black Sabbath oder der treibenden Virtuosität Deep Purples, klang die Doppel-LP für mich nach verstaubten Blues-Rock. Ich hakte die Band als uninteressant ab.

Ein Kumpel lieh mir viele Jahre später eine "Best of FREE" CD. Hier stellte ich erstaunt fest, dass mir einige Melodien bereits von Whitesnake Scheiben bekannt vorkamen. Als großer Fan der frühen Whitesnake, recherchierte ich sofort, und schau an, David Coverdale hatte sich im FREE-Shop hemmungslos bedient. Seinerzeit bot Mr.Coverdale seinen Fans die Möglichkeit, ihn persönlich auf der Whitesnake-Homepage zu befragen. Ich nutzte diese Chance und fragte nach: Seine Antwort war zwar ausweichend, durchaus humorvoll nannte er mich "Sherlock Holmes", jedoch wiederlegte er meinen Verdacht ausdrücklich nicht. Meine Anerkennung für FREE steigerte sich entsprechend, aber so wirklich überzeugen konnte mich die Band musikalisch immer noch nicht und "Alright now" alleine haute es auch nicht raus. Ganz im Gegenteil, eigentlich finde ich den Song bis heute nicht besonders aufregend. Ich legte das Thema FREE also wieder beiseite, wohl wissend, dass ich eines Tages sowieso wieder über die Band stolpern würde.

2005 ging dann auch an mir nicht vorbei, dass FREE-Sänger Paul Rodgers gemeinsame Sache mit Queen machte. Auch dies hörte ich mir interessiert an, musste aber feststellen, dass ich Rodgers' Leistung zwar durchaus respektabel fand, mich die Zusammenarbeit jedoch emotional ziemlich kalt ließ. Gut, ich war auch nie der größte Queen Fan gesesen, von daher... Egal, man kann es drehen und wenden wie man will, in irgendeiner Form wurde ich immer wieder durch die verschiedensten Begebenheiten an FREE erinnert.

Letztens lud mich eine Bekannte zu sich nach Hause ein. Ich durfte mich durch ihre alte Schallplattensammlung im Keller wühlen und mitnehmen, was ich wollte. Derlei Angebote werden übrigens immer seltener, aber das nur so nebenbei.... Ich fand in ihrer Sammlung also diese Scheibe, "The FREE Story", ein schönes, aufwendig aufgemachtes Doppelalbum, mit Booklet und allem drum und dran. Sogar in durchnummerierter, angeblich limitierter Auflage. Klar, sowas lässt mein Vinylherz nicht unberührt, und ich nahm die Scheibe mit.

Ich langweilte mich beim Durchhören des Albums genauso wie früher, wurde also wieder nichts mit FREE und mir....
Da erfüllte plötzlich diese sanft gespielte Abwandlung eines d-Moll-Akkords meine Musiklaube, jede Saite wurde langsam und bedächtig von Paul Kossoff mit den Fingern, ohne Plektrum, gezupft. Paul Rodgers' Stimme setze leise dazu ein. Selten hatte ich einen Sänger intimer gehört, ich schaute auf dem Cover nach, die Nummer hieß "Mourning Sad Morning". Das Vocalarrangement war betörend, ganz zu Schweigen von der begleitenden Flöte. Der Song traf mich in seiner unfassbaren, außergewöhnlichen Schönheit tief in's Mark. Immer öfter hatte ich nun Lust die Scheibe auf den Plattenteller zu legen. Ich stellte fest, dass die Band wirklich etwas besonderes an sich hatte. Ja, ich traue es mich kaum zu sagen...sie spielten tatsächlich so eine Art "Blues-Rock". Es gibt wahrscheinlich keine Musikbezeichnung, die mich mehr abtörnt als "Blues-Rock", muss ich doch immer an Musiklehrer-Bands oder langweilige Gitarristen wie Joe Bonamassa oder Gary Moore denken. FREE sind offensichtlich die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

FREE waren anders, sie hatten nicht nur dieses bluesige Feeling - sie hatten Soul und sie verzichteten darauf, alte bewährte Blues-Songs neu zu vertonen und so zu tun, als seien diese von ihnen. Sie arrangierten sparsam und effektiv, fast immer waren die Songtempi langsam oder im unteren mittleren Bereich angelegt. Die Hi-Hat betonte die 4-tel Noten. Paul Kossoff spielte akzentuierte Gitarrenriffs mit vielen Pausen, sein Rhythm-Sound war ziemlich clean, Höhen zurückgedreht. Am ehesten konnte sich Bassist Andy Fraser noch im virtuosen Sinne austoben, sein Bassspiel profitierte durch die Lücken, die Paul Kossoff ließ, umgekehrt war er sich nicht zu schade, beim Gitarrensolo auch mal komplett auszusetzen um die bestmögliche Dynamik zu erzielen. Dazu kam Paul Rodgers warme, kraftvolle Soulstimme. Der musste nicht kreischen wie die Robert Plants oder Ian Gillans dieser Welt. Seine drei Bandkollegen ließen ihm im Arrangement für jede gesangliche Feinheit Platz, und Paul Rogers wusste diesen Raum beeindruckend zu nutzen.

FREE spielten wahrhaftig essentiell, das ist es, was sie bis heute so sehr von allen anderen Bands unterscheidet. Dabei waren sie geradezu unheimlich gut; keinerlei Schwächen mussten kaschiert werden. FREE ließen durch nichts von der Musik ablenken, kein übermütiges Rumgehoppse und -gepose auf der Bühne wie beispielsweise Ritchie Blackmore oder Mick Jagger. Die Band wusste um ihre Überlegenheit, FREE bestachen auf der Bühne durch ihre schiere Präsenz. Rechts Paul Kossoff, ziemlich wei hinten auf der Bühne, direkt vor seinem Marshall Turm; auf der anderen Seite Bassist Andi Fraser, auch direkt vor seinem Amp; Schlagzeuger Simon Kirke in der Mitte und vorne am Bühenrand, lässig auf den Mikroständer gestützt, stand Sänger Paul Rodgers in all seiner Erhabenheit.

Wenn man sich im Internet das Video vom 1970er Konzert beim "Isle Of Wight" Festival anschaut, bekommt man bei "Be my friend" Gänsehaut. Da stehen die Jungs' vor rund 600.000 Leuten und spielen einfach diesen wunderschönen Song. Wer es rockiger mag, kann sich vom selben Konzert "Mr. Big" anschauen, hier zeigt auch Mr. Kossoff mal, was er kann.

Es gibt Menschen, die behaupten FREE seien die beste Rockband aller Zeiten gewesen. Ich versuche trotz aller Euphorie, derlei Dimensionen zu vermeiden, aber im essentiellen Sinne mag dieses Urteil nicht übertrieben sein. Jeder der vier Musiker war überragend an seinem Instrument. Paul Kossoff spielte großartige Gitarrensoli und zählt zu den unterbewertesten seines Faches, in Gitarristenkreisen wird er bedenkenlos in einem Atemzug mit Peter Green oder Eric Clapton erwähnt. Bassist Andy Fraser war seiner Zeit mit seinem Spiel wahrscheinlich ein paar Jahre voraus. Wenn ich mir anhöre, was der junge Mann bereits 1969 so spielte, fühle ich mich doch sehr an spätere Funk und Fusion Bassisten wie beispielsweise Pino Palladino oder die überaus charmante Tal Wilkenfeld erinnert, ich hör' derlei Zeugs nicht gerne, aber bei FREE passte es einfach fantastisch. Drummer Simon Kirke spielte überaus songdienlich und war ein Meister der Dynamik. Tja, und Vocalist Paul Rodgers zählt bis heute berechtigter Weise zu den größten Sangeskünstlern, die die Rockmusik bisher hervorbrachte.

Ich habe zwar 'ne ganz schöne Weile gebraucht um die Band zu verstehen aber die lange Zeit des Wartens hat sich für mich gelohnt - fantastische Herbstmusik!

- Falko - 10/2016


[03] THE JODY GRIND - Lefty's Deceiver (1992)

Die dritte Runde unserer diesjährigen Herbstmusik führt uns in die frühen Neunziger nach Atlanta in den USA. Die in den Achtzigern gegründeten THE JODY GRIND (nicht zu verwechseln mit einer britischen Rockband gleichen Namens) brachten es auf zwei Alben und machten sich auch überregional einen Namen, bevor bei einem tragischen Unfall nach einem Konzert der Drummer und der Bassist ums Leben kamen. Sängerin Kelly Hogan (bis heute unter anderem solo aktiv) und Gitarrist Bill Taft führten die Band nicht weiter - zu einschneidend war der Verlust offenbar gewesen, um mit neuer Besetzung das Begonnene fortsetzen zu können.

Zwei Jahre zuvor war mit "One Man's Trash (Is Another Man's Treasure)" das Debut erschienen, eine stilsichere und variantenreiche Mischung, die unter dem weit gefassten Genrebegriff "Alternative" Einflüsse von Jazz bis Country zu integrieren verstand. Die fantastische Stimme von Kelly Hogan (bei der man sich fragt, warum daraus keine große Karriere wurde) hält diesen Sound zusammen, führt ihn an, meistert alle Stimmungslagen von sanft bis rockig. Das klingt für Neueinsteiger vielleicht etwas zu gewollt oder zumindest ungewohnt, aber es macht eben auch den Reiz von "Lefty's Deceiver" aus, dass hier eine sanfte Ballade neben Midtempo-Alternative bestehen kann und auch jazzige Tracks nicht als vollkommen unpassend aus dem Rahmen fallen.

Anspieltipps sind das geradlinige "Funnel of Love" (rockiger als die bereits 1990 gespielte, etwas langsamer gehaltene Live-Version), "Hands of June" und das sich langsam steigernde "Promise of Sleep", die vielleicht beste Gesangsleistung von Kelly Hogan auf diesem Album ("And songs keep trying to kill me, as the records continue to turn ..."). Auch Fans der WALKABOUTS könnten an einigen Stücken Gefallen finden, es findet sich doch hier und da eine gewisse Schnittmenge. Jazz-Liebhaber werden Tracks wie "Driving at Night" oder den instrumentalen "Blues for the Living" ansteuern, die vor dem geistigen Auge das Ambiente einer verräucherten Beatnik-Bar oder einer gemütlichen Kellerkneipe heraufbeschwören.

Beide Alben der Band sind meines Wissens nicht mehr "in print", aber bei den üblichen Quellen (discogs zum Beispiel) noch zu moderaten Preisen zu finden. Mehr über das viel zu frühe Ende der Band im April 1992 gibt es HIER zu lesen: Sängerin Kelly Hogan erinnert sich in einem sehr persönlichen Text, wie THE JODY GRIND in der gleichen Woche, als "Lefty's Deceiver" erschienen war, plötzlich nicht mehr existierten. Niedergewalzt von einem alkoholisierten Fahrer, die üblichen Tour-Habseligkeiten einer Band wie Tapes, CDs und T-Shirts am Straßenrand verstreut. Das zweite Fahrzeug der Band mit den getöteten Musikern war nur mehr zur Hälfte vorhanden, die Frontpartie mit Fahrer- und Beifahrersitz durch den Crash einfach verschwunden...

- Stefan - 10/2016

 

[04] NICK CAVE AND THE BAD SEEDS - No more shall we part (2001)

Mit Nick Cave verbindet mich nicht allzu viel, keine jahrzehntelang gepflegte Fan-Beziehung mit mindestens einem halben Regalmeter an CDs, DVDs und Büchern. Aber eine skurrile Anekdote aus den Neunzigern blieb im Gedächtnis: Zusammen mit einem Freund wurde anno dazumal ein Plattenladen geentert, nach seinem Sortiment zu urteilen zweifellos ein Mekka für den gehobenen Musikgourmet. Viel Vinyl, reichlich Ausgefallenes und somit ein Ort, an dem man immer wieder Leute antraf, die ganz offenkundig Stammkunden waren - welche dann den Besitzer (mit dem sie per Du waren) in ausufernde Diskussionen darüber verwickelten, dass der unlängst mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Bob Dylan schon lange nicht mehr singen könne. Diese Extremnerds sind auch in anderen Sparten anzutreffen, sei es im Fußball ("Auf dieser Position kannst du den nicht spielen lassen!") oder sogar in der klassischen Musik ("Der Karajan hat doch alles kaputtdirigiert!").

In diesem Ambiente begab es sich, dass ein namenloser Nick-Cave-Experte meinen Begleiter (der gerade die Cave-Vinylscheiben durchstöberte) darüber aufklärte, dass er mit "dieser" Platte besser nicht anfangen solle, im Sinne von "Die ist zu hartgesotten für Neueinsteiger." Meine Wenigkeit, die direkt danebenstand, aber gerade mit obskuren Lärmplatten von Bands wie XYSTER oder TOXODETH zugange war, wurde dagegen mit gar keiner Expertise gewürdigt, sondern wohl aufgrund zu schlechten Musikgeschmacks als nicht beachtenswert eingestuft. Um welches Cave-Album es sich dabei handelte, das man nur als Fortgeschrittener hören durfte, weiß ich leider nicht mehr, sonst wäre es vielleicht der Kandidat für die heutige Herbstmusik-Platte geworden.

Diesen Platz nimmt dafür "No more shall we part" von 2001 ein, unter Cave-Fans häufig mit Höchstnoten bedacht und nicht selten gar als Meisterwerk geschätzt. Es gibt aber auch Zeitgenossen, denen dieses eindringliche Werk viel zu sehr an die Nieren geht, nicht durchhörbar am Stück in seiner traurigen und für manche depressiven Art, ohne sich selbst danach den Hahn zuzudrehen. Es ist einer dieser Platten, die man natürlich alleine hört, am besten in einer ganz bestimmten Jahreszeit, unterm Kopfhörer und mit dem Textblatt in der Hand. Düster und poetisch sind die Lyrics, rätselhaft und teilweise mit deutlichen religiösen Motiven.

Musikalisch bewegt sich "No more shall we part" lange auf sehr ruhigem Terrain. Sanfte Pianoklänge mit unaufdringlicher Begleitung bestimmen das Bild, damit Caves intensiver Gesang und die Texte auch wirklich zur Geltung kommen können. Erst mit dem fünften Stück "Fifteen Feet of pure white Snow" nimmt das Tempo Fahrt auf, nun darf die Band auch einmal aufdrehen. Höhepunkt in dieser Hinsicht ist das ekstatische "Oh my Lord", das in der Livefassung bis zur Raserei zelebriert wird. Schier unglaublich, dass diese Nummer in der Setlist der "God is in the House"-Konzert-DVD bereits auf Platz 2 (!) auftaucht, wenn man sieht, wie sehr sich die Band und allen voran Cave bereits während dieses Stücks verausgabt, obwohl noch ein ganzer Gig bevorsteht.

Die im Sommer 2001 in Lyon aufgezeichnete DVD ist auch eine sinnvolle Ergänzung, sollte einem das Album über die volle Distanz zu deprimierend klingen. An diesem Punkt war trotz der Qualitäten von "No more shall we part" mancher Altfan enttäuscht abgesprungen und machte seinem Ärger wie ein Rezensent bei Amazon drastisch Luft: "Zum Großteil bibelfestes, präseniles Liedgut von ewiggleicher Machart ... Nick Cave ist zum Langweiler geworden." Das klingt hart, ist aber zumindest nachvollziehbar, denn leicht macht es einem die Scheibe nicht unbedingt. Zum Nebenbeihören kaum geeignet, bei intensiver Beschäftigung eine emotional mitnehmende, anstrengende Angelegenheit. In der richtigen Stimmung genossen, kann die CD zum Erlebnis werden oder einen im falschen Moment auch richtig runterziehen. Man muss ja danach nicht gleich zum Strick greifen...

- Stefan - 10/2016

[05] TAU CROSS - Tau Cross (2015)

Crust-Punk oder, je nach Gusto, Crust-Core - hatten wir das schon mal im "zine with no name"?
Beeinflusst von Anarcho-Punk-Bands wie CRASS gründete Rob Miller 1978 die Band, die kurz darauf den Namen AMEBIX erhielt (vorher hieß sie, komischer Zufall, "The Band With No Name"), und damit einen der Hauptakteure auf dem kraterübersäten Feld des Crust Punk.
Die 80er waren die Zeit des Wettrüstens, des Waldsterbens und der Orwellschen Vision eines totalen Überwachungsstaats, kurz - die Apokalypse stand bevor, und AMEBIX lieferten den Soundtrack dazu. Anders als ihre Kollegen variierten sie in ihren Songs (Doom-)Metal-Elemente, am augenscheinlichsten sind Parallelen zu KILLING JOKE und, insbesondere beim Gesang, MOTÖRHEAD. Auch oder gerade Anarcho-Punks waren nicht gegen Dogmatik gefeit, darum blieben Anfeindungen aus dem Lager der "reinen Lehre" nicht aus. 1987 war Schluss mit AMEBIX, und man sollte erst wieder 2008 nach einer Reunion von der Band hören, deren Resultat 2011 das Album "Sonic Mass" sein sollte.
Während die alten AMEBIX einen endzeitlichen verdun-artiger Grabenkrieg gegen einen Feind, der den Sinn dieser Feldzüge selbst nicht mehr verstand, orchestrierten, ist "Sonic Mass" epischer, beeinhaltet Kampfpausen, die vielleicht sogar Hoffnung auf ein Ende des Krieges schöpfen lassen könnten, bei denen die Akustikgitarre ausgepackt wird und Rob Miller auch stimmlich andere Töne anschlägt. "Knights of the Black Sun" wurde sogar als stimmungsvolles Video umgesetzt. Lange sollte die Wiedervereinigung jedoch nicht währen, denn 2012 lösten sich AMEBIX wieder auf.

Rob Miller wollte nicht wieder 20 Jahre warten und startete 2013zusammen mit u. a. Michel "Away" Langevin von VOIVOD das Projekt TAU CROSS.
An dieser Stelle imaginiere ich mir eine Szene in Stefans Plattenladen aus der Nick Cave-Besprechung, in der ein Kunde die TAU CROSS-CD aus dem Regal zieht und der dauergegenwärtige Experte sich vom Tee mit dem Ladenbesitzer entfernt, um zusammenhanglos darauf hinzuweisen, dass da der Schlagzeuger von VOIVOD mitspielt, aber "die haben nach 'Dimension Hatröss' eigentlich nix G'scheits mehr g'macht, also ich weiß ned, ob das dann was daugt" (der Laden befindet sich in Nürnberg).
Unabhängig davon, was VOIVOD seit 1988 gemacht haben, taugen TAU CROSS mit ihrem selbstbetitelten Album sehr wohl was und schließen an "Sonic Mass" nicht nur mit dem dort schon im Album-Cover verwendeten Tau-Kreuz an.

In vielen Besprechungen wurde auf die Punk- oder Thrash-Elemente das Albums abgehoben, aber mir gingen hauptsächlich die Refrains von Songs wie "Hangman's Hyll", "We Control The Fear", "Sons Of The Soil" oder "The Devil Knows His Own" nicht mehr aus dem Kopf, die man sich auch Vorprogramm der heutigen NEW MODEL ARMY vorstellen könnte, welche, von ihrem Wurzeln in den früher 80ern her, zum entfernten Verwandtenkreis von TAU CROSS gehören, der sich aus dem Punk in eine andere Richtung entwickelt hat.

Das Schöne am Crust-Punk - oder an seinem Bruder, dem Hardcore - ist ja, dass er, im Gegensatz zur "No Future"-Einstellung früher Punk-Bands, trotz aller Düsternis und Weltuntergangstimmung immer noch an einer Vision einer besseren Welt festhält. Martin Büsser erkennt in "If The Kids Are United" das "Einbinden der anarchischen Emotion von Punk in komplexe Gesellschaftstheorien". Nun, "Tau Cross" ist kein Soziologie-Seminar, doch in "Our Day" scheint der Geist der alten Tage durch:

"We all were born as free men, our birthright has been stolen
My brothers, my sisters, our victory shall be assured
Our day will come
All suffering will end when we manifest Love as the Law
Our day will come"

Die Herbstsonne steigt über dem Nebel auf.

- Martin - 11/2016

 

[06] SHE PAST AWAY - Belirdi Gece (2012)

Was das türkische Duo SHE PAST AWAY produziert, könnte man dem ersten Höreindruck nach zu urteilen als Fanboy-Musik bezeichnen: düstere Klänge aus dem Darkwave- und Gothic-Rock-Umfeld, die in dieser Form auch aus den Achtzigern stammen könnten. Die Einflüsse sind offensichtlich, eine musikalische Verbeugung vor Genregrößen wie sie SISTERS OF MERCY darstell(t)en. Alles nur eine gut gemachte Imitation also, ein in stummer Verehrung erstarrtes Nachspielen bekannter Vorbilder? Nun, so einfach ist die Sache nicht, denn SHE PAST AWAY haben durchaus ihre eigene Note, etwa bei den Texten (komplett in Türkisch), auch wenn die Band in Interviews meinte, dass sich ihre Herkunft nicht unbedingt in ihrer Musik widerspiegeln sollte. Stilistisch ist der Anspruch demnach international, regionale folkloristische Elemente tauchen nicht auf.

Wer in den Achtzigern seine musikalischen Fühler auch in jenes Terrain ausstreckte, das später von Zeitschriften wie dem Zillo abgedeckt wurde, der konnte auf seiner Suche nach düsteren Sounds auf ein reichhaltiges Angebot an Bands stoßen, die auch unter Metalfans heute noch Anerkennung finden. Vielleicht war es die Verbindung von Atmosphäre mit stilvoller Präsentation, was im Metal zwar auch zu finden war, aber mit bisweilen ein wenig peinlichem Pathos und Kraftmeierei verbunden. Die musikalische Härte fehlte Bands wie THE CURE oder SIOUXSIE AND THE BANSHEES, dafür schufen sie eine fesselnde Stimmung, tauchten tief ein in eine Welt, der SHE PAST AWAY ihren bislang zwei Alben hochachtungsvoll Tribut zollen.

Es ist auch alles da, was die Musik der großen Vorbilder ausmacht: der düstere Gesang, der treibende Bass, die akzentuiert eingesetzten Gitarren. Natürlich führt das dunkle Moll hier das Regiment, nichts klingt unbeschwert oder ausgelassen fröhlich. Durchweg depressiv ist es dennoch nicht, was die Band auf ihrem Erstling anzubieten hat, denn Stücke wie "Ritüel" mit dominanten Synthies und Drumcomputer sind einerseits tanzbar, transportieren aber auch dieses Herbstflair, dieses besondere Etwas für neblige Tage und kühle Nächte.

Die teils überschwänglichen Kritiken für ihr Album verdanken SHE PAST AWAY sicher auch einer gewissen Sehnsucht nach der Zeit, die sie in ihrer Musik heraufbeschwören. Wie überhaupt die Vergangenheitsbezüge in der zeitgenössischen Rockmusik in den letzten Jahren ganz erheblich sind. Teilweise sehen heute auch schon Mittzwanziger so aus, als wären sie geradewegs den Siebzigern entsprungen und hätten von dieser Zeitreise auch gleich die entsprechenden Backen- oder Vollbärte mitgebracht. Im Hardrock gehören die Classic-Rock-Einflüsse längst zum guten Ton, auch im Death und Black Metal hat "Old School" wieder mehr als nur einen Stein im Brett. Schon vor diesem Hintergrund wäre es müßig, ausgerechnet SHE PAST AWAY den Vorwurf zu machen, dass sie in ihrer engen Anlehnung an die Vergangenheit noch nicht viel an eigenem Profil entwickeln.

Was das Songwriting betrifft, hätte das vorliegende Album phasenweise etwas mehr Abwechslung vertragen können. Das soll aber die ansonsten gelungene Performance nicht schmälern, denn was SHE PAST WAY auf ihrem Debüt musikalisch sein wollten, ist ihnen schon sehr ordentlich gelungen. Mit dem erwähnten "Ritüel", "Ruh" und "Bozbulanik" sind einige hörenswerte Songs enthalten, die auch bei nächtlichen Autofahrten (natürlich der Jahreszeit angemessen in blickdichter Nebelsuppe) ihre Wirkung nicht verfehlen dürften.

- Stefan - 11/2016

 

[07] GERT WESTPHAL - Heinrich Heine Lyrik und Jazz (1964)

Jazz und Lyrik an dieser Stelle? Selbstverständlich, denn wo sonst sollte diese reizvolle Verbindung ihren Platz finden, wenn nicht im ZWNN, dem "arte" unter den Online-Fazines? Und natürlich steigen wir, dem höchsten Niveau verpflichtet, gleich mit dem legendären Sprecher und Rezitator Gert Westphal ein, der zu seinen Lebzeiten unter Literaturfreunden einen unbestrittenen Ruf als großer Könner und Kenner seines Faches genoss. Die Liste der von ihm für die Nachwelt festgehaltenen Werke der Weltliteratur ist beeindruckend lang und muss nicht zum Zweck des "Namedroppings" wiederholt werden (Wikipedia liefert dazu Auskunft).

In Deutschland erlebte die Verbindung von Jazzmusik und Literatur in den Sechzigern eine regelrechte Blüte, wie das Booklet der vorliegenden und aktuell zu sehr günstigem Kurs erhältlichen CD kenntnisreich nachzeichnet. Musikalisch stand Westphal mit dem Attila-Zoller-Quartett höchste Qualität zur Seite, neben Gitarrist Zoller waren dies unter anderem Emil Mangelsdorff (Flöte, Altsaxophon, Klarinette) und Klaus Weiss am Schlagzeug, letzterer mit der gesamten Jazzszene von Klaus Doldinger bis Friedrich Gulda verbunden. Der Schwerpunkt lag auf neuen Kompositionen, ergänzt mit Versionen bekannter Klassiker von Brahms oder Porter.

Bemerkenswert ist das Zusammentreffen von Heine, Westphal und Zoller nebst Kollegen durch die überaus geglückte Verbindung von Text- und Musikrhythmus. Die Stücke wurden dabei nicht aus vorproduzierten oder bereits als eigenständige Alben veröffentlichten Aufnahmen ausgewählt, sondern speziell für die im April 1964 an gerade einmal zwei (!) Tagen eingespielte Session komponiert. Das Resultat ist mal energiegeladen und wild, mal düster und melancholisch, aber in jedem Gemütszustand ein besonderes Erlebnis.

Heinrich Heine tritt hier nicht etwa als gut abgehangener Klassiker des bildungsbürgerlichen Kulturkanons in Erscheinung, dem zwar noch Qualität, aber keine Sprengkraft mehr zu eigen wäre - ganz im Gegenteil. Da wird munter gegen die Religion polemisiert (und auch anderes nicht ausgenommen): Mit ätzendem Spott bekommt der in Heines Augen keinerlei Vergnügen bietende Katholizismus ebenso sein Fett weg wie die protestantische Konkurrenz, die als ganz und gar nüchtern-freudlose Veranstaltung in Erscheinung tritt.

Auch über die Grenzen Europas reicht sein Blick, wenn einerseits in positiven, wenn auch illusionsgeprägten Worten vom neuen Amerika gesprochen wird, dem gegenüber aber das Gedicht "Das Sklavenschiff" vollkommen ungeschminkt zeigt, worauf sich Sklaverei und Rassismus gründen: auf eine knallharte kapitalistische Ausbeutung des Menschenmaterials. Während des Transports werden die Leichen der unterwegs gestorbenen Sklaven ins Meer geworfen, um den begleitenden Haien als willkommene Mahlzeit zu dienen.

Wehmütig wird es, wenn das Vaterland beschworen wird, welches Heinrich Heine wegen Zensur und zahlreicher Anfeindungen verließ (ein zeitgenössischer Steckbrief beschrieb ihn vor Antisemitismus triefend als Schriftsteller mit "betont israelitischem Typus"). Das Gedicht "Nachtgedanken" mit seinen berühmten Zeilen "Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht" ist einer dieser Texte.

Im Februar 1856 starb Heine in Paris, beigesetzt wurde er auf dem Friedhof Montmartre. Auf seinem Grabmal steht das Gedicht "Wo?", zugleich das letzte Stück auf dieser CD. Im Gegensatz zu manch anderem, das einem im Schulunterricht oder während des Germanistikstudiums begegnen konnte, trägt diese Lyrik eine Relevanz in sich, die auch bis in die Gegenwart fortwirkt. Heines bittere Polemiken zum Thema Nationalstaat und Deutschtümelei sind in Zeiten fahnenschwenkender Abendlandretter nicht nur für den Historiker lesenswert...

Doch als die schwarz-roth-goldne Fahn,
Der alt germanische Plunder,
Aufs Neu' erschien, da schwand mein Wahn
Und die süßen Mährchenwunder.

Ich kannte die Farben in diesem Panier
Und ihre Vorbedeutung:
Von deutscher Freyheit brachten sie mir
Die schlimmste Hiobszeitung.

(aus: Michel nach dem März)

- Stefan - 11/2016

 

[08] THE SKULL - For those which are asleep (2014)

Wenn ich das recht überblicke, hatten wir schon diversen Doom Metal in der Herbstmusik zu Gast, aber noch nicht TROUBLE, eine der klassischen Bands aus dieser Sparte, die schon seit Ende der Siebziger aktiv sind, wenn auch mit erheblichen Besetzungswechseln. Der langjährige Sänger Eric Wagner verließ TROUBLE im Jahr 2008 und steht seit vier Jahren bei THE SKULL am Mikro, wobei der Bandname Programm ist: Pate dafür stand das ebenso betitelte zweite TROUBLE-Album von 1985. Bei den Aufnahmen zum SKULL-Debüt waren mit Bassist Ron Holzner und Drummer Jeff Olson zwei weitere Weggefährten aus alten TROUBLE-Tagen vertreten.

Welchen Sound man also hier erwarten darf, sollte angesichts dieses Personals keine Überraschung sein: Doom Metal der alten Garde, ohne große Experimente, aber dafür mit einer Geradlinigkeit und Erfahrung, die dem Hörer gleich mit dem Eröffnungssong "Trapped inside my mind" das heimelige Gefühl vermittelt, in einem sicheren Hafen vor Anker zu liegen. Dazu trägt auch die bodenständige Produktion bei mit ihrem soliden Bass-Fundament und zwei angenehm präsenten, aber nie zu dominant in Erscheinung tretenden Gitarren. Eric Wagners Gesang ist markant wie eh und je, stimmlich hat sich der Endfünfziger mehr als respektabel gehalten.

Ein Highlight der Scheibe ist das düster-melodische "The Door", weniger gitarrenlastig als die Tracks zuvor und ein sehr atmosphärisches Stück. Als weitere Anspieltipps hervorzuheben sind auch "Till the Sun turns black" und der Titeltrack, mit knapp über sieben Minuten der längste Song auf dem Album. Auf Vinyl ist danach Schicht, die Digipak-Variante auf CD ist ergänzt um zweitere Stücke von der ersten THE SKULL-Veröffentlichung aus dem Frühjahr 2014 (eine EP unter anderem mit dem TROUBLE-Cover "The last Judgment"). Musikalisch bewegt sich dieses Material qualitativ auf gleichem Niveau, nur die Gitarren klingen etwas "trockener" produziert.

Eine Ausnahmeerscheinung stellt "For those which are asleep" nicht dar, keine Offenbarung mit Sounds, die es in dieser Konstellation zuvor noch nicht gegeben hätte. Natürlich ist Doom auch ein teilweise konservatives Genre, wie der Heavy Metal an sich ja viel auf Traditionen hält. THE SKULL verkörpern eine Musik, die unbeirrt von Trends, die da kommen und gehen mögen, ihren Weg weitergeht und in ihrer Entwicklung mehr die Verfeinerung und das gleichzeitige Bewahren des Bestehenden verfolgt als das Erkunden von völligem Neuland.

Eigentlich könnte das im Metalgenre für dauerhaften Erfolg sorgen, aber in dieser Hinsicht waren ja auch schon TROUBLE mehr die sogenannte "Kultband" (sprich: kennen viele, kauft aber nur ein eingeschworener Fankreis). Auch der unten verlinkte Livemitschnitt von THE SKULL hat bei YouTube gerade mal 1500 Aufrufe auf seinem Konto zu verbuchen, ein knapp 20 Sekunden dauerndes Video eines niesenden Pandabären-Babys dagegen über 220 Millionen (!). Gut, dieser Vergleich hinkt natürlich, aber etwas mehr Resonanz wäre wünschenswert. Im zweiten Clip gibt's eine echte Rarität zu sehen: Eric Wagner hilft live bei DEATH ROW aus und singt einen Song von PENTAGRAM, so geschehen beim "Hammer of Doom"-Festival 2009 in Würzburg.

- Stefan - 12/2016

[09] ELEH - Radiant Intervals (2012)

Schon Loriot wusste: "Moderne Kompositionen erfordern geistige Mitarbeit. Das geht natürlich nicht so glatt ins Ohr wie Peter Alexander." Was auch für die neunte Station unserer diesjährigen Herbstmusik-Strecke gilt: Hinter dem laut Labelangaben im Jahr 1999 gegründeten Elektronik-Drone-Mysterium ELEH steckt ein Musiker, der es vorzieht, keine biographischen Daten über sich in Umlauf zu bringen, und Interviewanfragen verweigert. Ebenso reduziert ist der Sound: auf das Nötigste verdichtete, minimalistische Monotonie.

Die Musik von ELEH mag zunächst Irritationen auslösen oder vielleicht auch den "Hurz!"-Effekt - nach dem Motto: Ist das noch Kunst oder kann das weg? Eintöniges Brummen, wabernde Klanglandschaften, jedes Stück des Albums läuft ca. zehn Minuten oder länger. Traditionelle Songstrukturen wirken ausgelöscht, zu dominant ist die scheinbare Gleichförmigkeit. Doch darin liegt auch das Faszinosum: Ohr und Gehirn als Klangempfänger stellen sich recht schnell darauf ein, die Musik von ELEH in ihrem Wesen zu erfassen. Ist dieser Zustand erreicht, entpuppt sich das Material als gar nicht mal so ereignisarm wie zu Anfang gedacht.

Track 1 "Night of pure Energy" arbeitet mit einem sachte im Hintergrund pulsierenden Beat (kein Uffz-Uffz-Techno!) und sich darüber ausbreitenden Ebenen mit unterschiedlichen Frequenzen. "Death is eternal Bliss" bahnt sich mächtig und vor allem basslastig seinen Weg, was man wohl am besten so richtig laut und nach Mitternacht hören sollte, damit auch die Nachbarn etwas davon haben. Im Schlussdrittel setzten sich zwar einige Melodien in Szene, der schwere Drone-Sound bleibt aber bis zum Ende des Stücks bestimmend.

Das nachfolgende "Bright & Central as the Sun itself" ist abwechslungsreicher (wenn man das in diesem Kontext so formulieren kann) und etwas unausgeglichen, der meditative Charakter anderer Stücke will sich hier nicht so recht einstellen. Dankbarer ist in dieser Hinsicht das abschließende "Measuring the Immeasurable", ein weiterer Zehnminüter, der an jene Ritualmusik erinnert, wie sie auch in einem damit arbeitenden Subgenre des Industrial praktiziert wurde, und die empfängliche Naturen durchaus in Trance versetzen könnte.

Aber was ist das nun eigentlich? Sicher kein Kokolores, den jeder zusammenschrauben kann, wenn er mal für eine Stunde an den Knöpfchen irgendeiner Soundmaschine dreht. Entspannende Musik? Das kommt auf die Stimmung an und auf die Erwartungshaltung des Hörers. Es ist denkbar, dass manch einer diese Klänge eher als unangenehm empfindet und von ihnen auf einen schlechten Trip geschickt wird. Sich darin zu verlieren ist auch eine Möglichkeit, denn zum Nebenbeihören erweist sich ELEH als denkbar ungeeignet.

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- Stefan - 12/2016

 

But look around,
leaves are brown now
And the sky
is a hazy shade of winter

Look around,
leaves are brown
There's a patch of snow on the ground