Die 18 schönsten und spektakulärsten Tore der Fußball-Europameisterschaft 2004 in Portugal

- und nun, einmal mehr, zu etwas ganz ganz anderem...!
Gedacht vor allem für jene Freunde des Sports rund um das runde Leder, welche sich, gleich dem Verfasser, gelegentlich nur zu gerne an ein wirklich großartiges Turnier zurückerinnern möchten...

* Schweden - Italien (Vorrunde): der späte und mehr als verdiente 1:1 Ausgleich der Skandinavier durch einen, in dieser Form noch nie gesehenen, artistischen Seiten-Schaufler mit dem Rücken zum Tor von Zlatan "Der Goldene" Ibrahimovic. Für einen atemlosen Moment schienen sämtliche Gesetzmäßigkeiten der Physik außer Kraft gesetzt. Der Ball senkte sich in anmutigem Bogen, genau zwischen Querlatte und dem Kopf des sich auf der Linie vergeblich streckenden Christian Vieri, in den Winkel des Gehäuses.

* Portugal - England (Viertelfinale): ein potugiesischer Abwehrspieler verlängert mit dem Kopf unfreiwillig den weiten Abschlag des englischen Keepers, Michael Owen ist frei durch und haut den aufspringenden Ball über den verdutzten Ricardo mit einem sehenswerten, hüfthohen, karatemäßigen Drehschuss rein.

* Portugal - England (Viertelfinale): Rui Costa zog in der Verlängerung aus ca. 18 bis 20 Metern fulminant ab, dieser unwiderstehliche Wahnsinnsschuß krachte die Latte touchierend ins Tor - 2:1, sensationell!

* Portugal - Niederlande (Halbfinale): Maniche zum 2:0 mit einem ansatzlosen, wunderschönen Schlenzer vom halblinken Strafraumrand, halbhoch und mit vollendeter Ästhetik in die rechte Ecke gleitend - ein Zaubertor!

* Portugal - Niederlande (Halbfinale): Innenverteidiger Miguel (sofern mich hier meine Erinnerung nicht täuscht, könnte genauso gut Costinha gewesen sein) bei einem Rettungsversuch mit gestrecktem Bein einen butterweichen Lupfer über den abermals verdutzten Ricardo, gerade so eben außer Reichweite von dessen Handschuhen, setzend. Kurios, aber wunderbar anzuschauen.

* Tschechien - Dänemark (Viertelfinale): wundervoller Traumpass aus halbrechter Position von Karel Poborsky auf den startenden Milan Baros; der ist frei durch und lupft den Ball schön über den chancenlosen dänischen Keeper Sörensen zum vorentscheidenden 2:0!

* Tschechien - Dänemark (Viertelfinale): wundervoller Traumpass aus dem Fußgelenk vom überragenden Pavel Nedved auf den wiederum perfekt getimed startenden Milan Baros; der flitzt links an den beiden aufgerückten dänischen Innenverteidigern vorbei, ist abermals frei durch und haut den Ball mächtig hochlinks am wieder mal chancenlosen dänischen Keeper Sörensen ins Netz - das entscheidende 3:0!

* Deutschland - Tschechien (Vorrunde): der von uns euphorisch bejubelte Führungstreffer wurde von Sebastian Schweinsteiger an der Strafraumgrenze vorbereitet, indem er ein Anspiel mit der Fußsohle für den frei stehenden Michael Ballack zur Seite abtropfen ließ und dieser das Leder, vergleichbar einem später noch zu beschreibenden Baros-Tor ebenfalls hochlinks, mit einem ähnlich wuchtigen Volley versenkte. Formidabel! Dieses Weltklasse-Tor tröstete den deutschen Fußball-Fan zumindest ein wenig über das trotzdessen erfolgte, erneute und wieder einmal alle hochfliegenden Hoffnungen enttäuschende EM-Ausscheiden in der Vorrunde hinweg.

* Deutschland - Tschechien (Vorrunde): Marek Heinz mit einem im nachhinein höchst genußvollen und sehenswerten 20m-Freistoß aus halbrechter Position, der für uns ernüchternd, geradlinig und dynamisch, perfekt und unhaltbar, über die Mauer hinweg in den rechten Torwinkel rauschte.
Ein Konter (wir mußten gewinnen und deshalb das Spiel öffnen, einiges riskieren), abgeschlossen von - wieder einmal (5 Treffer im Turnier!) - Milan Baros, vervollständigte die Niederlage und das Debakel.

* Deutschland - Niederlande (Vorrunde): ein Supermatch der Deutschen wurde leider in der 82sten Minute ergebnistechnisch geschmälert, als einer der derzeit gefährlichsten Torjäger Europas, Ruud Van Nistelrooy, seine brillante Szene hatte, indem er fast liegend und sich in Verteidiger Christian Wörns regelrecht hineingrabend, den von rechts außen kommenden Ball (Ernst!) aus spitzem Winkel ins linke, lange Eck streichelte. Shocking!
Den hätten wirklich nicht viele so machen können.

* England - Schweiz (Vorrunde): der 18jährige Wayne Rooney, mit vier Toren in nur drei Begegnungen einer der Shooting Stars des Turniers, wuchtet die Pille an den linken Pfosten, diese prallt vom Tor weg, dem in Rettungsabsicht bereits am Boden liegenden schweizer Keeper Jörg Stiel an den Hinterkopf - und von dort ins Tor! Ein Billard-Goal mit leicht grotesker Note.
Im Fußball ist alles Denkbare möglich, und wahrscheinlich irgendwann, irgendwo, auch schonmal passiert.

* Frankreich - England (Vorrunde): wunderschöner 1:1 Ausgleichstreffer von Zinedine Zidane durch einen, vom englischen Stürmer Emile Heskey zuvor mit ungeschicktem Tackling verursachten Freistoß an der 16m-Markierung, den er von rechts der Mitte in grazilem Bogen ins linke untere Toreck zirkelte. Auch ermöglicht durch einen leichten Stellungsfehler von David James, der zu sehr auf die Mauerecke spekulierte.
Unglaublich, daß die Briten ein Spiel, welches sie eigentlich sicher in der Tasche hatten, noch unnötig, eigentlich fahrlässig weggaben. Denn nur wenige Minuten später, mehr oder weniger mit dem Schlußpfiff, verwandelte wiederum "Zizou" einen, von Steven Gerrard durch einen katastrophalen Rückpass verschuldeten Foulelfmeter zum Sieg der Blauen.
Aber was soll's, aus einer Gruppe mit der Schweiz und Kroatien kamen beide ins Viertelfinale, auch wenn Kroatien in den Partien gegen England und vor allem Frankreich (Mornar!) durchaus seine Chancen hatte.

* Portugal - Spanien (Vorrunde): Nuno Gomes nimmt, mit dem Rücken zum Tor und einen Verteidiger in selbigem, den Ball an und legt ihn sich nach links, geht blitzschnell nach, zieht aus der Drehung ab - der Ball landet perfekt im linken unteren Eck! Mit diesem späten Treffer aus vielleicht 18 Metern waren die zu passiven Spanier - denen ein Unentschieden gereicht hätte - draußen und Gastgeber Portugal wider erwarten doch noch weiter.

* Italien - Bulgarien (Vorrunde): der junge italienische Top-Stürmer Antonio Cassano dübelt das Leder nach einer fein herausgespielten, wunderbaren Kombination passgenau ins Ziel. Genau nachvollziehen kann ich den Ablauf nicht mehr, da die parallel stattfindende Partie zwischen Schweden und Dänemark uns wesentlich mehr interessierte und wir somit von dieser hier erwähnten im Grunde kaum was mitbekamen. Jedenfalls reichte den Nordeuropäern ihr Unentschieden, was bedeutete, daß Cassanos Siegtreffer zum 2:1 kurz vor Ende keinen Wert mehr hatte und der Torjubel nur Minuten danach von Tränen der Enttäuschung abgelöst wurde. Dänemark war letztendlich nur um die Winzigkeit eines mehr geschossenen Tores besser und damit im Viertelfinale. Eine gewisse hämische Zufriedenheit über deren frühes Aus konnte man aufgrund der miserablen, unerklärlich leidenschaftslosen, defensiv-zerstörerischen ersten beiden Spiele der Tifosi und der hässlichen Spuckattacke Francesco Tottis (Speichelopfer: Dänemarks Christian Poulsen) nicht verleugnen. Italien tat einem kein bißchen leid, der nach dem Schlußpfiff des letzten Gruppenspiels in sich zusammensackende und hemmungslos weinende Antonio Cassano hingegen schon.

* Frankreich - Griechenland (Viertelfinale): der griechische Außenstürmer läßt bei einem Konter den viel zu ungestüm attackierenden Bixente Lizarazu mit einem köstlichen Heber ins Leere laufen, bedient maßgenau den in der Mitte sträflich freistehenden Angelos Charisteas, dieser erzielt einen sehenswerten, mustergültigen Kopfballtreffer.
Nach zwei weiteren Toren in ähnlicher Manier - Dellas nach Eckball in der Verlängerung gegen Tschechien, wiederum Charisteas nach Eckball gegen Portugal -, die ausreichten, um jeweils das Halbfinale und das Finale zu gewinnen, wurden in der Presse, aber auch bei uns, lästerliche Stimmen laut, welche ob des eher zerstörerischen, defensiv geprägten Auftretens der Griechen vom bedauernswerten Triumpf des Schmarotzer- oder Koma-Fußballs sprachen. Da ist durchaus was dran. Den Europameister-Titel als unverdient anzusehen oder die im Rahmen ihrer Möglichkeiten exzellente Leistung der Griechen schmälern zu wollen, wäre allerdings auch ungerechtfertigt. Jedenfalls hinterließen die vom deutschen Trainerguru Otto Rehhagel taktisch (europa-) meisterlich eingestellten Hellenen in ihrem Kielwasser mit Spanien, Frankreich (beide bei diesem Turnier mit Abstrichen), Tschechien oder Portugal hinter sich zurück riesige, eisberghafte Felder an Trümmerstücken des attraktiven Fußballs.

* Tschechien - Niederlande (Vorrunde): Pavel Nedved flankt von links auf den im 16er mit dem Rücken zum Tor stehenden Jan Koller, dieser läßt mit Überblick und seiner Brust auf den frei am Strafraum lauernden Milan Baros abtropfen, der in Direktabnahme die Kugel maßgenau und mit Wucht in die Maschen hämmert - eines der schönsten Tore in der, zusammen mit Portugal - England, wohl spektakulärsten Begegnung des gesamten Turniers! Wunderbar kombiniert und abgeschlossen!
Daß eine vereitelte, hochkarätige Torchance einem tatsächlichen Torerfolg in der Wertigkeit mindestens ebenbürtig sein kann, veranschaulichte eine weitere Szene aus diesem Spiel. Vladimir Smicer bekommt im 16er den Ball - keine Ahnung mehr, wie und von wem -, zieht aus etwa 12 bis 14 Metern umgehend ab, der Ball nimmt präzisen Kurs auf die rechte Ecke, man hat den Jubelschrei in Erwartung des sicheren Treffers bereits auf den Lippen - da kommt der holländische Torhüter Edwin van der Sar angeflogen, fährt seine teleskopartigen Arme aus, macht sich lang und länger (bei annähernd zwei Metern Körpergröße eine seiner leichtesten Übungen, sollte man meinen...), und kratzt die Kugel so gerade noch mit den Fingerspitzen um den Pfosten herum, sensationell! Aus der Hintertor-Perspektive sieht man anschließend, in Zeitlupe, wie der Ball, von van der Sar touchiert, einen leichten, grazilen Radius beschreibend, sich um's Gebälk dreht. Der das Spielgerät blitzschnell aus der Hüfte kataputierende Schütze wußte da mit einer äußerst kniffligen Frage aufzuwarten, während der hellwache Wächter vor der Linie aufgrund einer, innerhalb von Sekundenbruchteilen aus dem Ärmel geschüttelten, noch besseren Antwort zu parieren und die Situation zu entschärfen verstand. Wunderbar gemacht von beiden Akteuren, zwei Weltklasse-Aktionen dicht hintereinander.

* Schweden - Bulgarien (Vorrunde): in der ersten Halbzeit gestaltete sich das Aufeinandertreffen noch als ein recht ausgeglichenes - Schweden führte zwar mit 1:0, doch auch die Bulgaren kamen zu ihren Chancen, welche allerdings ungenutzt blieben; in der zweiten Hälfte brachen die Osteuropäer allerdings völlig auseinander und wurden von den wie im Rausch loslegenden Nordlichtern regelrecht gegen die Wand gespielt. Das resultierende 5 zu 0 (!) dürfte wohl mit zu den höchsten Ergebnissen der EM-Historie gezählt werden können. Zwei der Treffer sollen hier nachträglich nochmals zu kurzen Ehren kommen:
Flanke von rechts, Henrik Larsson grätscht nach vorne, nimmt den schwierigen Ball ca. fünf Meter vor dem Tor mit dem langen Fuß und lenkt ihn direkt unter die Querlatte. Das 3:0!

* Schweden - Bulgarien (Vorrunde): kurz zuvor das 2:0; tolle Bananen-Flanke von links, der in der Mitte mitgelaufene Henrik Larsson setzt zu einem grazilen, ästhetisch verzückenden, schlichtweg perfekten Flugkopfball an, hebt entschlossen ab, schnellt in den Ball hinein - und versenkt zielgenau rechts unten das Runde im Eckigen! Unbelievable! Derart formschön und vollendet, daß es, vor allem in Zeitlupe aus den unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet, geradezu überirdisch anmutet...!

- Heiko; 09-11/04 -