Hildegard von Bingen
"Wie es um den Menschen steht."

Sein Los ist ein Leben voller Sorgen. Aber was lebte denn auf der Erde und wäre gänzlich frei von Sorgen? Nichts! Doch besonders das Menschendasein ist voller Probleme; denn es ist mühselig und rückständig im Vergleich mit jenem paradiesischen Leben der ersten Zeit nach der Schöpfung, als die Augen noch nichts entbehrten und die Fülle der Seligkeit nichts vermissen ließ.

Ängste beherrschen uns innerlich. Da ist immer eine ungewisse Furcht in mir, weil ich meiner selbst nicht sicher sein kann. Deshalb strecke ich meine Arme nach Gott aus, daß sie schwerelos und vom Wind getragen zu ihm fliegen und ihn anflehen, er möge mich halten.

Als Gast auf Erden irren wir in der Fremde. Ich bin ein Fremdling hier, aber wo bin ich? Im Schattenreich des Todes. Und wohin führt mein Weg? Nur in die Irre. Was bleibt mir da als Trost? Der Trost, den alle Fremden haben: Daß ich einen Engel zum Freund habe! Weil doch auch ich den lebendigen Hauch empfangen habe, mit dem Gott den Lehm beseelte, aus dem wir gemacht sind.

Vor Unrast findet der Mensch keine Ruhe mehr. Es hält ihn nicht lange bei einer Beschäftigung oder an einem Ort. Immerfort fällt ihm etwas anderes ein, reizt Neues seine Abenteuerlust. Von Zerstreuungen und Versuchungen verlockt, läßt er sich dahin und dorthin treiben.

So entsteht furchtbare Schwermut im Menschen. Die Bürde des Lebens ist so drückend, daß es weder möglich ist, sie zu tragen, noch, sie abzuwerfen. Was folgt denn daraus außer Leid und Tränen? Wer vermag mich zu erlösen außer dem Tod? Wer antwortet mir, wenn nicht das Verhängnis? Ich sehe und weiß keinen Ausweg mehr.

Und dennoch: Ich werde trotz allem Kummer, aller Schmerzen nicht aufgeben, sondern kämpfen! Ich werde meine irdische Hinfälligkeit nicht einfach hinnehmen, ich will mich ihr entgegenstellen. Ich werde mein Mark, mein Fleisch und mein Blut durch die Weisheit der Geduld besänftigen, mich gegen alle Unbill verteidigen mit der Stärke des Löwen und der List der Schlange, die sich vor dem Zugriff des Todes in ihre Höhle rettet.

Und es gibt nichts, was allein nur schrecklich ist. Auch in verzweifelt trauriger Stimmung gibt es noch eine Freude und ist noch Heil.

Darum will ich beides so nehmen, wie Gott es für mich bestimmt hat.

Denn wenn mein Körper auch an die Erdenschwere gebunden bleibt, so weist doch meine Seele in den Himmel. Zwar wird der Leib immer wieder die Seele bedrängen, aber die Seele am Ende doch den Sieg davontragen.