
„When the music's over, turn out the lights“
(The Doors)
Während
des Bestehens und auch nach dem Ende der WALKABOUTS sind die
mittlerweile ehemaligen Bandmitglieder fleißig mit eigenen Bands und
Solo-Projekten unterwegs. Das gilt auch für Terri Moeller und Paul
Austin: bis 2008 als TRANSMISSIONARY SIX aktiv, zwischenzeitlich mal
aufgelöst, dann aber wieder reaktiviert und live ebenfalls wieder zu
sehen – das bislang letzte Album erschien 2023. Allzu weit sind „T6“
(der Bandname in Kurzform) nicht von den WALKABOUTS entfernt, wodurch
stilistisch eventuell unliebsame Überraschungen hier nicht zu erwarten
sind.
In den frühen 2000er Jahren erschien das unbetitelte erste T6-Album,
das mit ruhiger Akustik-Note und einigen, im Hintergrund gehaltenen
elektronischen Effekten, einen angenehmen Einstieg in die diesjährige
Herbstmusik bietet, geschrieben an einem ebenso angenehm unhektischen
Feiertag. Die Songs sind nicht allzu lang gehalten, die Scheibe geht
nach knapp 31 Minuten über die Ziellinie. Ausgesprochen viel
Abwechslung bieten manche Stücke nicht, aber in der richtigen Stimmung
genossen treffen sie überwiegend schon ziemlich genau den
jahreszeitlich passenden Nerv. Eingerahmt von zwei ähnlich betitelten
Songs („Short Wave Hello“ & „Short Wave Goodybe“) sind einige
Höhepunkte auszumachen wie „Marooned“ oder „My Paper Party Hat“,
anderes Material ist ein wenig monotoner im Ansatz und vielleicht nicht
sofort eingängig („Mothball“).
Neben
zwei CD-Auflagen in Pappverpackung ist das Album wie auch andere
T6-Veröffentlichungen bei Bandcamp erhältlich, zum Streamen über die
App oder als digitale Kaufversion. Physisches gibt es dort aktuell nur
in sehr begrenzter Auswahl, digital kann man jedoch die Diskographie in
umfangreicher Form entdecken. Wer nach dem Ende der WALKABOUTS vor mehr
als zehn Jahren eventuell auftretende Phantomschmerzen kurieren möchte,
ist mit T6 gut bedient. Hier wird doch so einiges von dem, was die Band
ausmachte, weitergetragen. In einer sehr lauten und hysterischen
Umgebung heutzutage lässt es sich mit dieser Spielart von Musik
entschleunigter und nervenschonender leben.
- Stefan - 10/2026
Für das Heer der Werktätigen in der Herbstmusik-Industrie
eine Tatsache: Der Wetterumschwung kann ein tückischer Gegner sein.
Kaum hat man sich zum unglaublich originellen Texteinstieg mit einem
Verweis auf den DOORS-Song „Summer’s almost gone“ entschieden, schmiert
von einem Tag auf den anderen die Außentemperatur komplett ab. Nichts
ist mehr mit sonnigem Spätsommer jenseits der 20 Grad, aber das
ignorieren wir jetzt einfach mal. Ursprünglich stand auch das zweite
DOORS-Album „Strange Days“ zur Auswahl, aber der Nachfolger machte
schließlich doch das Rennen.
Nachdem die Band im Jahr zuvor gleich zwei LPs veröffentlicht hatte,
gab es 1968 „nur“ eine neue Scheibe der DOORS, diese war allerdings
ihre erste Nr. 1 in den US-Charts. Gegenüber dem großartigen Debüt ist
auch das dritte Album nicht mehr so stark, hat aber genügend
überzeugendes Material im Gepäck. Das gilt auch und gerade für Stücke,
die vielleicht nicht auf Anhieb jedem einfallen, wenn es um Kandidaten
für eine Best-of-Auswahl geht, sei es „Not to touch the Earth“ mit
seinem treibenden Rhythmus, der gegen Ende ins leicht Unkontrollierte
abdriftet, das entspannte „Summer’s almost gone“ mit seinen melodiösen
Klavierakzenten oder „Wintertime Love“ – alles nur Songs von der
A-Seite, was die Qualität des Albums nachdrücklich unterstreicht.
„Spanish Caravan“ mit seinen Flamenco-Gitarren und dem rockigeren
Ausklang ist natürlich ein Klassiker, aber auch nur der Auftakt zu
einer ebenbürtigen B-Seite, welche die ganze stilistische Vielfalt der
DOORS präsentiert. Das reicht von dem fast ausschließlich von
gemeinschaftlichem Gesang getragenen „My wild Love“ bis hin zu der
Ballade „Yes, the River knows“ (diese dürfte gern länger als nur
zweieinhalb Minuten sein und läuft an ruhigen, herbstlichen Sonntagen
besonders gut rein). Für den Rausschmeißer „Five to One“, im Gegensatz
zu den beiden Elfminütern auf den Vorgängern recht kurz gehalten, wird
noch mal ein „Rocker“ ausgepackt, was als Kontrast sehr gut
funktioniert und die Betriebstemperatur zum Abschluss etwas höherdreht.
Das DOORS-Gesamtschaffen mag auch seine kleineren Durchhänger haben und
gerade für Morrison-Anhänger fehlt auf den Alben ohne ihn
logischerweise das besonders prägende Element. Aber nach all den
Jahrzehnten sind die DOORS immer noch eine außergewöhnliche Band und
darüber hinaus auch eine, so ist zu vernehmen, die unter neu
hinzukommenden jüngeren Hörern ihre Fans findet – ohne die
Retro-Nostalgie eines älter gewordenen Original-Publikums von damals,
was ja doch bemerkenswert ist. Und mit den etwas unbekannteren Nummern
wie auf dem vorliegenden Album zeigt sich auch, wie hochwertig das
Songmaterial jenseits der offensichtlichen Hits ausfallen kann, was das
Wiederentdecken lohnenswert macht.
- Stefan - 10/2026

Ein Beinahe-Klassiker aus der zweiten Reihe? Das
klingt etwas
paradox, fasst aber so in etwa die Bandbreite der Reaktionen zusammen.
Kommerziell und (großes Wort) musikhistorisch hat es bei diesem Album
nicht zum gehobenen Status gereicht, aber es gibt Hörer, die „Script of
the Bridge“ enorm schätzen. Namhafte jüngere Bands wie INTERPOL sind
nach eigenen Angaben und auch eindeutig hörbar von den CHAMELEONS
beeinflusst, ALCEST äußerten sich wohlwollend und sogar SCOOTER (!)
coverten 2009 mit „Second Skin“ einen Song der Briten, was nicht so
überraschend ist, wenn man den musikalischen Hintergrund von H. P.
Baxxter kennt.
Nach mehrmaligem Wiederhören muss allerdings ein wenig Wasser in den Wein gegossen werden: Klar hat der Sound auf „Script of the Bridge“ seine Klasse und bei anderen Gruppen seine Spuren hinterlassen, aber wenn es um das Songwriting geht, hapert es auf die ganze Strecke gehört (57 Minuten lang) in der B-Note für meinen Geschmack bisweilen an der Ausführung. Da gibt es Stücke, die manchmal nicht so ganz fertigkomponiert wirken, da hatten andere Bands wie THE CURE auch in ihrer frühen Phase mehr strukturelle Feinheiten anzubieten. Wobei das etwas zu hart klingen mag, denn bei wiederholtem Durchlauf sinkt die Scheibe eben auch nicht unter ein gewisses Niveau ab. Es fehlen halt die zwei oder drei Stücke, die aus dem Rahmen fallen, die sich ins kollektive musikalische Gedächtnis ihres Genres eingebrannt haben, ohne zwangsläufig große Hits gewesen sein zu müssen.
Was für das Album spricht, ist dieses Flair jener Ära in
der
britischen Pop- und Rockmusik im Bereich von Post-Punk und New Wave,
welches allgegenwärtig ist. Der Vergleich mit THE CURE-Gitarren und
Schlagzeug im JOY DIVISION-Stil in bestimmten Stücken passt schon ganz
gut, zeigt musikalische Verwandtschaften auf und ist für Neuhörer ein
orientierender Fingerzeig, wobei THE CHAMELEONS auf ihrem Debüt nicht
bloß nach einer Art Formel gearbeitet hatten. Immerhin waren sie vor
der Bandgründung 1981 bereits in anderen Bands aktiv gewesen und keine
bloßen Nachahmer.
Eine quasi komprimierte Version des Albums stellen die drei letzten Nummern dar, zusammen knapp 17 Minuten lang und den Sound der Band auf den Punkt bringend. Wer damit auch in Kurzform fremdelt, wird mit der Musik wohl nichts anfangen können, aber für meinen Geschmack ist in diesen drei Tracks schon so ziemlich alles drin, was THE CHAMELEONS auf ihrem Debüt ausmacht. Ach ja, Sound: Toningenieur auf dem Album war ein gewisser Colin Richardson, den es einige Jahre später in kaum vergleichbare britische Klangwelten verschlug, als er mit Bands wie NAPALM DEATH, BOLT THROWER und CARCASS zusammenarbeitete. Aber das ist nun wirklich eine ganz andere Geschichte und wohl nicht herbstmusikkompatibel …
- Stefan - 10/2026