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Kay Lutter - Bluessommer: Eine Geschichte von Freiheit, Liebe und Musik jenseits des Eisernen Vorhangs (2017)

Bluessommer erzählt die Geschichte eines Rockmusik-verrückten Teenagers, der sich in der DDR der 80er Jahre durchschlägt und davon träumt Musiker zu sein und in einer erfolgreichen Band zu spielen. Es geht um Liebe, Freiheit, Sex und Suff.

Mike verlässt seine erste Band, will raus aus der Provinz. Er sucht sein Glück in der Hauptstadt Berlin und studiert Musik. Den letzten Sommerurlaub vor seinem Studium feiert er auf Rockfestivals ab, will mit Floyd und Porni bis an die Ostsee trampen. Gierend nach Freiheit und selbstbestimmten Leben treibt es Mike schließlich bis nach Budapest.

"Alles, was noch halbwegs stehen konnte, drängelte mit Macht vor die Bühne, selbst von ganz hinten machten sich die allerletzten Kunden auf den Weg nach vorn...
Alles schrie und tobte durcheinander, die ersten Töne der Band gingen in diesem gewaltigen Geräuschpegel einfach unter....
Es war gar nicht die Musik selbst, welche die Massen explodieren ließ, es kam einfach alles zusammen. Alles hatte nur auf diesen einen Moment gewartet, und nun kam die Erlösung."

Nach dem Urlaub schließt Mike sich in Berlin der verbotenen Untergrund-Band Monomann an. Er verliebt sich in Nina und versucht nebenbei sein Studium hinzukriegen. In seinem Alltag muss er sich mit besoffenen Bandkollegen, Bürokratie und Stasi rumschlagen, alles nicht einfach.

Das Buch beschreibt all die Absurdiäten und Unwegbarkeiten denen sich freiheitsliebende, junge Menschen gegenüber sehen, während sie ihren Platz in der Gesellschaft finden oder eben nicht finden (wollen). Und häufig sind die verrücktesten Leute in ihrer allernächsten Nähe.

"Der Polizist hielt mir meinen Personalausweis vor die Nase. Zwischen der gammligen Klarsichthülle und der Umschlagseite mit dem DDR-Emblem zierte auf der Vorderseite ein Foto von Ozzy Osbourne, dem Sänger von Black Sabbath, meinen Ausweis. Ozzy schwang gerade seinen Mikroständer vor einem überdimensionalen Kreuz, welches zu dem in Flammen stand. Der Polizist musterte mich von oben bis unten und sein missmutiger Blick lies keine Fragen offen. "Herr Mike Bergner, was das hier zu bedeuten hat, habe ich sie gefragt! Der Personalausweis der Deutschen Demokratischen Republik ist ihr wichtigstes Dokument und kein Sammelalbum von Idolen des Klassenfeindes. Sie wollen wohl ein Christ sein, oder was hat das Kreuz hier drin zu bedeuten? So sehen sie auch aus!" Er trat einen Schritt zurück und musterte mich von oben bis unten. "Gucken Sie sich doch einmal an! so wollen Sie sich im befreundeten Ausland zeigen? Sie präsentieren dort die Deutsche Demokratische Republik, Herr Bergner! Steigen Sie bitte aus! ihre Reise ist hier beendet!"

Bildquelle: bluessommer.deWer sich heute als Westdeutscher oder auch als Ostdeutscher die Frage stellt, wie das Leben in der DDR war, kommt hier zu ergänzenden und neuen Erkenntnissen. Vor dem Hintergrund der aktuellen, politischen Situation und den immer noch existierenden, gegenseitigen Vorurteilen, kann Bluessommer einen Beitrag leisten, sich gegenseitig anzunähern. Man erlebt, dass die Rock-Szene in der DDR lebendig, wild und ungestüm war und nicht ausschließlich durch langweilige und systemangepasste Bands wie die Pudhys oder Silly geprägt wurde.

Was das Buch darüber hinaus interessant macht, ist die Tatsache, dass die fiktive Geschichte von Bluessommer durch den Autor Kay Lutter, anhand der seinerzeit tatsächlich existierenden und durch den DDR-Apparat verbotenen Band Freygang erzählt wird.

Daher ein kurzer Blick auf den realen Hintergrund des Buches: Freygang waren eine der führenden Bands der "Blueser-Szene" in der DDR. Ständig unter Beobachtung der Stasi und der Willkür des Staates ausgesetzt. Kay Lutter, Autor von Bluessommer war Bassist der Band. Andre Greiner-Pol, seinerzeit Sänger und Identifikationsfigur von Freygang, erlebte an seiner eigenen Person Rassismus gegen Langhaarige und Andersdenkende, unterschwelligen Ausländerhass, Blockwartmentalität und Anscheissertum. Er lenkte später in seinen eigenen Büchern unter anderem den Blick auf die durch Erich Mielke und Konsorten geplanten Isolierungslager - nichts anderes als Konzentrationslager, die aber glücklicherweise nie mehr Wirklichkeit wurden und von deren Planung heute nicht alle ehemaligen DDR Bürger wissen. Andre Greiner-Pol verstarb 2008 an Herzversagen.

Trotzdem ist Bluessommer kein politisches Buch, es stellt einfach dar wie das Leben als Musiker seinerzeit war, ohne zu sehr die politischen Verhältnisse in Ost oder West beurteilen zu wollen. Das Buch macht Spaß zu lesen und letztendlich lautet die Botschaft: Scheiss auf alle Systeme! Rock'n Roll!

"'Ach, scheiss drauf!', begann ich erneut. 'Du kannst alles machen, du kannst überall hin fliegen, wenn du Kohle hast. Aber ohne Geld ist es mit der Freiheit auch nicht weit her.'"

Noch mal kurz zum Verfasser: Kay Lutter war in der Musikszene der DDR aktiver Musiker. Er spielte als Bassist bei Freygang und ist heute Bassist der Mittelalter-Rocker von In Extremo.

(Alle Zitate aus dem besprochenen Buch)

- Falko - 02/2018