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„Die Zukunft war früher auch besser.“
(Karl Valentin)

[01] NICK DRAKE – Five Leaves Left (1969)

Wenn heute von dem 1974 im Alter von gerade einmal 26 Jahren verstorbenen Folkmusiker Nick Drake die Rede ist, dann zumeist im Tonfall großer Ehrerbietung. Nur drei Alben veröffentlichte der labile und in seinen letzten Jahren an Depressionen erkrankte Musiker, die zu ihrer Entstehungszeit keineswegs erfolgreich waren und erst Jahrzehnte nach seinem Tod von einer breiteren Hörerschaft wiederentdeckt wurden – mitverantwortlich dafür ausgerechnet ein Werbespot, der einen Auszug aus einem Drake-Song nutzte. Die Frage, ob Nick Drake in klarer Suizidabsicht starb oder es sich eher um eine Art Unfall durch falsch dosierte Medikamente und begleitend dazu konsumierte Drogen handelte, beschäftigt Fans bis heute und führte über die Jahre zu detailreichen Spekulationen, die aber an den Tatsachen nichts ändern und abschließend ohnehin nichts zu klären vermögen.


Was jedoch unverrückbar Bestand bis heute hat, ist Nick Drakes musikalisches Werk wie das vorliegende Debütalbum von 1969, dessen Titel eigentlich auf die Verpackung einer Zigarettenpapiermarke verweist, die dem Raucher ankündigte, wann nur noch fünf Blättchen übrig seien. Damit eine doch reichlich spekulative Verbindung zu den fünf verbleibenden Lebensjahren des Musikers herzustellen – Stichwort „düstere Vorahnung“ – mag vielleicht pseudomorbidem Chic geschuldet sein, ist aber ausgesprochener Unsinn. Zumal ein kranker, mit schweren Problemen behafteter Mensch eine angemessenere Art der Betrachtung verdient hätte als eine nachträglich an den Haaren herbeigezogene Zahlenmystik, als wäre ein tragischer Tod mit nur 26 noch nicht einschneidend genug auch für die Hinterbliebenen und bedürfte deshalb einer zusätzlichen, die düstere Aura aufwertenden Dimension.

Faszinierend an „Five Leaves left“ sind die große musikalische Reife und Klarheit, bedenkt man, dass es sich hier um ein Debütalbum handelt, dessen Aufnahmen Drake im Sommer 1968 im Alter von nur 20 Jahren begann. Der Tonfall des gesamten Albums ist durchzogen von großer Melancholie und dunkler Poesie, ohne jedoch den Hörer mit musikalischer Dauerdepression niederzuschmettern. Im Gegenteil: Elton John etwa, der als Studiomusiker an frühen Probeaufnahmen Nick Drakes mitwirkte, empfand das Album als trostspendend und erkannte in den Songs die Schönheit einer Musik, die trotz ihres häufig traurigen Charakters auch aufbauend sein kann.   

Das an Höhepunkten nicht arme Erstlingswerk ist musikalisch trotz seiner sparsamen Instrumentierung interessant gestaltet. Streicherpassagen und Klavier unterstützen Drakes Stimme und Gitarrenspiel, ohne den Gesamtsound damit zu überladen. Besonders eindrucksvoll gelang dies in Songs wie „River Man“, „Day is done“ oder dem abschließenden „Saturday Sun“, allesamt Juwelen für Tage, an denen der Stress des Alltags einmal draußen bleiben darf und Innehalten angesagt ist. Nick Drakes Musik ist allerdings mehr als nur ein stimmungsvoller Soundtrack, hier war Großes entstanden, das über die Jahrzehnte lebendig geblieben ist. 


- Stefan -  10/2020


[02] LORD VICAR – Fear no Pain (2008)

Die Finnen LORD VICAR sind seit ihrer Gründung im Jahr 2007 eine ziemlich beständige Band, bis auf Wechsel auf der Bassistenposition ist heute immer noch die gleiche Besetzung wie auf dem Debütalbum aktiv. Sänger Christian Linderson ist gut informierten Doom-Freunden natürlich bestens bekannt durch frühere Bands wie COUNT RAVEN oder TERRA FIRMA und natürlich durch sein Gastspiel bei SAINT VITUS, bei denen er auf dem 1992er Album „C.O.D.“ mitwirkte – ein nach meinem Geschmack unterschätzter Vitus-Sänger, der zwischen seinen Kollegen Scott Reagers und Wino historisch betrachtet leider etwas untergegangen ist.

Es mag schon sein, dass LORD VICAR bislang nicht den ganz großen Status erlangt haben und ihr Sound eher ein Nischendasein fristet. Die Songs auf „Fear no Pain“ sind strukturell weniger im klassischen Metal beheimatet, mitsingkompatible Refrains als prägende Stilmittel kommen hier nicht zum Tragen. Was die Platte dominiert, sind teils in Zeitlupe ausgewalzte, sich wiederholende monotone Riffs, die in angenehm organischem Gitarrensound den Stücken eine eigentümliche Dramaturgie verleihen. Etwas flottere Midtempo-Passagen oder akustische Teile finden sich allerdings auch, was die meist recht langen Songs (im Schnitt acht Minuten, selbst wenn man den 14minütigen Abschlusstrack weglässt) abwechslungsreicher macht.  

Vier Songs auf dem Album entstanden ursprünglich noch für die im Gründungsjahr von LORD VICAR aufgelöste Underground-Doom-Institution REVEREND BIZARRE, deren Gitarrist Kimi Kärki das Material zu LORD VICAR mitnahm. Das auf „The Church Within Records“ erschienene Album hat sich über zehn Jahre später gut gehalten, war also keine hochgejubelte Eintagsfliege. Neueinsteiger im Genre werden mit der Mischung aus REVEREND BIZARRE und COUNT RAVEN bestens bedient, die Scheibe ist daher nicht nur den fortgeschrittenen Doom-Kennern zu empfehlen.       

Kleinere Schönheitsfehler mag es geben, etwa den etwas wackeligen Gesang im Akustik-Intro des letzten Stücks „The Funeral Pyre“, was aber gar nicht so besonders störend ist. Schließlich steigert sich der Song schnell zu einem Doom-Glanzstück, bei dem als Gast auch Angelo Tringali (Gitarrist von The Lord Weird Slough Feg) zu hören ist. Mit simplen, aber doch wirkungsvollen Melodien geht „Fear no Pain“ mit hoher Formkurve durchs Ziel. Fazit: Nicht nur für ausgewiesene Experten ein hörenswertes Album!


Bandcamp-Seite zum Antesten


- Stefan - 10/2020



[03] MIKE OLDFIELD – Ommadawn (1975)

Vom Doom Metal heutiger Tage geht es zurück in die Siebziger zu einem frühen Werk von Mike Oldfield, der nur wenige Jahre zuvor mit seinem Debütalbum den großen Durchbruch geschafft hatte und Musikfreunden mittleren Alters auch durch erfolgreiche Popsongs aus den Achtzigern bekannt sein dürfte. „Ommadawn“ ist das dritte Studioalbum, das über die Jahrzehnte in verschiedenen Mix-Versionen sowie um zusätzliche Stücke ergänzten Varianten erschien, während die ursprüngliche LP lediglich zwei lange, vielschichtig arrangierte Tracks und einen kurzen Anhang („On Horseback“) unter anderen mit einem Kinderchor enthielt.

Oldfield wird mit diesem Album gerne neben seinen offensichtlichen Folk-Wurzeln auch im Bereich der Weltmusik einsortiert, fanden sich doch auch afrikanische Trommelelemente auf „Ommadawn“ wieder. Überhaupt ist die stilistische Vielfalt in sich harmonisch und bleibt nicht auf der Ebene eines Sammelsuriums stecken. Während die beiden titelgebenden langen Stücke phasenweise dramatisch anschwellen (Teil 1) oder mit ruhiger Gelassenheit dahinfließen (Titel 2), gesellen sich auch verschiedene Folk-Abschnitte mit irischem Dudelsack und Volkstanz-Rhythmen hinzu. Auch wenn Oldfield selbst eine lange Liste an Instrumenten spielte, war die Zahl musikalischer Gäste, die auf „Ommadawn“ mitwirkten, bemerkenswert. Das Kunststück dabei war, dass sowohl Mike Oldfields charakteristische, unverwechselbare Gitarrenarbeit und Kompositionstechnik zu ihrem Recht kamen wie auch die Beiträge der Gastmusiker, ohne sich aber gegenseitig dominant zu überlagern.

Welcher der mittlerweile recht zahlreichen Auflagen und Wiederveröffentlichungen man nun den Vorzug geben soll, bleibt dem persönlichen Geschmack überlassen – Auswahl gibt es jedenfalls reichlich. Puristen mögen vielleicht das Album in seiner Ursprungsform bevorzugen, ist es doch mit seinen beiden ausgedehnten Variationen des Titelstücks eine Reise durch verschiedene musikalische Kulturformen und verbunden damit durch imaginäre Landschaften.

In späteren Ausgaben kamen noch diverse Bonustracks hinzu, die ebenfalls gelungen sind und die stilistische Linie der LP weiterführen. Die beiden Stücke „Argiers“ (mit der Flöte als prägendem Instrument) und „First Excursion“ (hier hat die Gitarre die Führungsrolle) sind mit vier bzw. sechs Minuten allerdings vergleichsweise kurz geraten und können nicht die epische Breite der beiden „Ommadawn“-Langtracks entfalten. Ihre ebene Struktur ist auch ganz anders angelegt, da keine stetig hinzutretenden neuen Elemente aufeinander geschichtet und dadurch weiterentwickelt werden.

Volkstanz-Musik gibt’s in dem gerade mal zweiminütigen „Portsmouth“ zu hören, einem heiteren und tanzbaren Stück, das ebenso wie „On Horseback“ kein Fremdkörper ist und allenfalls musikalisch einen Gegensatz zu den ausladenden und teilweise dramatisch-schweren Abschnitten darstellt. Es dürfte Mike Oldfields persönlichem und künstlerischem Empfinden entsprechen, diese nur scheinbaren Widersprüche als Teil eines Ganzen zu sehen, in dem das Tiefgründige und Melancholische eben nicht ohne das Leichte und Romantische existiert, sondern beides als musikalische Einheit organisch zusammengehört und auch so funktioniert.


- Stefan - 10/2020



[04.1] JOHN CARPENTER – The Fog (1980)
[04.2] HOWARD SHORE – Videodrome (1983)

Kurz nach Halloween läge es natürlich nahe, in der Herbstmusik mit dem von John Carpenter selbst komponierten Score zu seinem Horrorklassiker von 1978 aufzuwarten, aber ganz so offensichtlich müssen wir es ja nun auch nicht machen (wenngleich der HALLOWEEN-Soundtrack sehr wohl seine beachtlichen Qualitäten hat). Überhaupt sind die Soundtracks zu Carpenters Filmen speziell aus den Siebzigern und frühen Achtzigern sehr bemerkenswert, da sie von der Personalunion eines Regisseurs auf seinem kreativen Höhepunkt mit einem ebenso begabten Musiker leben, der seine Vorstellungen nicht erst langwierig einem Komponisten erklären muss, sondern seine eigenen Bilder und Töne erschaffen kann.

Der Score zu THE FOG - NEBEL DES GRAUENS lebt von den düster wabernden Klängen (was natürlich sehr gut zur unheimlichen Nebelbank passt, die sich auf das Küstenstädtchen Antonio Bay zubewegt), die mit einfachen, wirkungsvollen Melodien ergänzt werden – wie gleich zu Beginn des Films überaus gelungen zu erleben, wenn der alte Seebär den gebannt zuhörenden Kindern eine gruselige Geschichte erzählt und die Kamera danach für die Vorspannsequenz die nächtliche, von unheimlichem Mondlicht erleuchtete Bucht erfasst. Je stärker an der Spannungsschraube gedreht wird, umso mehr nimmt auch die Musik an Eindringlichkeit zu – bestens nachzuhören im abschließenden Track „Reel 9“ (ganze elf Minuten lang). Das Einzige, was heutzutage etwas störend ist, sind die Artworks diverser VÖs der jüngeren Vergangenheit, die teilweise seltsam experimentell oder einfallslos (grün eingefärbte Zombie-Piraten als Frontmotiv) daherkommen. Schöner gestaltet sind die Auflagen aus den Achtzigern, speziell die im LP-Format (die CD beschränkt sich auf einen Ausschnitt des eigentlichen Motivs).


Ein Film ganz eigener Art, mit einem wirklich unverwechselbaren Score, ist der einstmals indizierte, heute bei uns jedoch ab 16 Jahren freigegebene VIDEODROME von David Cronenberg – sein persönliches Meisterwerk, auch wenn die selbst erschaffene Konkurrenz im eigenen Gesamtwerk natürlich auch einiges vorweisen kann. Die Story im Schnelldurchgang: Max Renn (James Woods), der Betreiber eines kleinen privaten TV-Senders in Toronto will mit reißerischen Inhalten eine Marktlücke besetzen und das zeigen, was andere nicht bieten: Sex, Gewalt und ähnlich kontroverses Material. Auf seiner Suche nach wirklich Ungewöhnlichem stößt er auf ein verschlüsselt ausgestrahltes Untergrund-Programm namens „Videodrome“ mit sehr realistischen Folter- und Mordszenen. Im Grunde ohne Handlung, aber mit einer eigenartig faszinierenden Wirkung. Was Renn schon bald herausfindet: „Videodrome“ ist kein Fake, sondern offensichtlich echt – und das Schlimmste folgt erst noch. Das Programm lässt im Zuschauer einen Gehirntumor entstehen, der wiederum grauenhafte Halluzinationen auslöst. Max Renn taumelt einem Abgrund aus SM-Sex, Folter und Mord entgegen, in dem Realität und Täuschung kaum mehr zu unterscheiden sind…

Ein auch nach Jahrzehnten niemals langweilig oder inhaltlich obsolet werdender Film, da die Thematik stets aufs Neue zu intensiven Denkprozessen anregt. Auch anachronistische Elemente wie Max Renns Betamax-Videos, die ebenso wie VHS-Kassetten oder Laserdiscs längst zu Exponaten für das Technikmuseum geworden sind, haben VIDEODROME nicht unvorteilhaft altern lassen. Was im Film ein perverses Faszinosum wie „Videodrome“ war, könnte heute das Internet sein, das in modernisierter Weise neue Formen der Manipulation betreiben, bewusste Schäden anrichten und soziale Strukturen zersetzen kann. Es sind auch hier wieder die Nutzer selbst, die das destruktive Geschäft annehmen und es durch ihren Konsum selbst weiterbetreiben.

Howard Shore, der musikalisch je nach Charakter des jeweiligen Films eine große Bandbreite bedient, sei es der bisweilen anstrengende Jazz-Score für NAKED LUNCH (ebenfalls von Cronenberg) oder die Filmmusik für große Mainstream-Fantasy wie die DER HERR DER RINGE-Trilogie, hat für VIDEODROME einen Soundtrack komponiert, der eine vielschichtige Ausstrahlung besitzt: kühl, monoton, untergründig und mit keinem anderen Filmscore verwechslungsgefährdet. Shore spielt synthetisch-düstere Klänge, die wie aus dem Unterbewusstsein schöpfende Konstrukte wirken. Die perfekte Klangkulisse für einen außergewöhnlichen Film, die auch beinahe 40 Jahre später keine Alterserscheinungen zeigt, weil sie schon damals keiner musikalischen Dramaturgie nahestand, wodurch man sie heute in der Schublade „typisch Achtziger“ einordnen könnte. So mancher wusste nur wenig damit anzufangen, Monotonie war da noch ein harmloser Vorwurf. Andere dagegen waren von Film wie Score gleichermaßen begeistert und sind es bis heute geblieben. Auch wenn die CD aktuell leider neu nicht mehr zu bekommen und gebraucht sehr teuer geworden ist: Die Anschaffung lohnt sich!

- Stefan-  11/2020



[5] ARVO PÄRT - Spiegel im Spiegel (1978)

Man muss kein religöser Mensch sein, wie der estnische Komponist Arvo Pärt, um in "Spiegel im Spiegel" eine Ebene zu erahnen, die tiefer liegt, als das, was das reduzierte Spiel von Klavier und Violine darstellt - im Notenblatt wird der Schwiergkeitsgrad als "sehr leicht" eingestuft. Das Stück kann aufgrund seiner Unaufdringlichkeit gut als Hintergrundmusik laufen, hat aber beim bewussten Hören, vor allem über Kopfhörer, eine erstaunlich fesselnde und zugleich entspannende Wirkung. Als musikalischer Grundschüler würde ich sagen, dass Arvo Pärt hier mit Dreiklängen weite innere Klangwelten erschafft, ähnlich wie der Spiegel im Spiegel eine visuelle Unendlichkeit.

"Spiegel im Spiegel" habe ich zufällig beim Hören eines amerikanischen Klassik-Podcasts entdeckt und dabei festgestellt, dass mir das Stück von irgendwoher bekannt vorkam, denn es wurde u. a. im Weltraumdrama "Gravity" verwendet. Das Stück kann zur "minimal music" gezählt werden, eine Richtung der "Neuen Musik", die ich gerade etwas zu entdecken beginne, aber eben nie als solche wahrgenommen habe. Stücke von z. B. Philip Glass finden sich oft in Soundtracks und lösen damit die aus Kulturdünkel gezogene Grenze zwischen sogenannter E- und U-Musik auf.

- Martin - 11/2020


[06] ESBJÖRN SVENSSON TRIO – Retrospective (2009)

In einem Interview im aktuellen Rock Hard nennt Lars Ulrich (soll ich da jetzt wirklich in Klammern „Metallica-Drummer“ schreiben, weil vielleicht jemand seinen Namen nicht zuordnen kann?) Jazzmusik als Hilfsmittel zum Runterkommen nach Konzerten. Das kann man auch in anderen Situationen gut gebrauchen, wenn immer mehr Menschen dem Irrsinn zu verfallen scheinen, ein ultrahocherhitzter Wahlkampf in den USA wieder mal eine gespaltene Nation hinterlässt und hierzulande reihenweise vernunftabstinente Zeitgenossen in das Lager abstruser Verschwörungserzählungen abwandern.

Jazzmusik also – bislang nicht gerade besonders präsent im ZWNN. Das schwedische Esbjörn Svensson Trio soll die sechste Haltestelle in unserer diesjährigen Herbstreihe sein. Es wurde benannt nach seinem im Jahr 2008 bei einem Tauchunfall ums Leben gekommenen Bandleader, war während seines Bestehens auf der Erfolgsleiter stetig nach oben geklettert und in Deutschland nicht zuletzt dank der Aufzeichnungen beim weltweit vielbeachteten Jazzfestival von Burghausen ziemlich bekannt. ARD Alpha sendet regelmäßig am Sonntagabend seine beliebten Mitschnitte von den „Jazzwochen“ und erreicht damit ein internationales Publikum – unschwer zu erkennen auch an den vielsprachigen Kommentaren und Lobeshymnen zu den beiden „E.S.T.“-Auftritten in Burghausen von 2001 und 2004, die auf YouTube zu finden sind.

Wer wie ich kein ausgewiesener Kenner der Materie ist, greift in solchen Fällen gerne zu einer mehr oder minder gelungenen Compilation, mit deren Hilfe weitere Feldforschungen eingeleitet werden können. „Retrospective“, erschienen im Jahr nach Esbjörn Svenssons Unfalltod im Alter von gerade einmal 44 Jahren, ist bis auf nur spärliche Ausflüge in etwas „wilderes“ Terrain eine musikalisch entspannende und zugleich aber auch mitreißende Angelegenheit, denn was das Trio hier in Sachen Musikalität auf Tonträger gezaubert hat, ist schon beeindruckend. Weitab vom Klischee des Jazz als verstaubter Unterhaltung für angegraute Oberstudienräte und ohne das Gehabe eines elitären Zirkels sind die 75 Minuten auch für Genre-Neulinge zu empfehlen, weil sie mit ihren Einflüssen aus anderen Stilrichtungen den Einstieg erleichtern. Vom musikalischen Können des Trios gar nicht zu reden, denn das spricht ohnehin für sich selbst.

Bis auf wenige Ausnahmen wie das abschließende „Leucocyte“ mit seiner nervösen, unruhigen Rhythmusstruktur ist das Material auf „Retrospective“ für ungeübte Ohren nicht überfordernd. Das ist auch bei den Konzertmitschnitten aus Burghausen zu beobachten: Da wird nicht etwa das eigene Können demonstrativ zur Schau gestellt, sondern einfach nur wie aus einem Guss musiziert. Wie sehr das Trio in seinen besten Momenten ganz nah bei sich war und doch einen vielseitigen, für äußere Einflüsse offenen Sound zu produzieren vermochte, müsste auch Hörer überzeugen können, die weder Jazzfreunde noch selbst Musiker sind. Das Esbjörn Svensson Trio war im besten Sinne anspruchsvoll und publikumsfreundlich zugleich, auch wenn „Retrospective“ trotz seines musikalischen Genussfaktors immer auch etwas traurig stimmt: Was hätte da noch alles kommen können…


- Stefan -  11/2020


[07] EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN – Alles in Allem (2020)

Die Neubauten stürzen schon lange nicht mehr ein, bemängeln manche und sie haben sogar ein wenig Recht damit, wenn sie die zunehmende Abwesenheit von brachialem Getöse meinen. Nur war dieses eigentlich nie bestimmend für den Kern des EN-Sounds, auch schon damals in den Achtzigern nicht. Im 40. Jahr ihres Bestehens sind die Neubauten zwar in ihren Klangstrukturen sehr zugänglich, böse Zungen schrecken auch vor dem schlimmen Wort „Mainstream“ nicht zurück und unterstellen sogar rein kommerzielle Motive, aber irrelevant ist die Band noch lange nicht geworden, nur weil sie anders ist als früher.

„Alles in Allem“ ist deutlich geprägt von der Vergangenheit, im Detail von der Geschichte Berlins, nimmt Bezug auf bestimmte Stadtviertel und zeigt Verbindungslinien auf, die bis in die Gegenwart reichen und damit zu den Personen im Gefüge der Neubauten. Vom Opener „Ten Grand Goldie“ (von Blixa Bargeld als „Rocker“ bezeichnet) und sehr spärlichen Krachausflügen abgesehen, ist die Scheibe über ausgedehnte Strecken sanft und ruhig. Wer über TV-Serien wie BABYLON BERLIN Geschmack an Berliner Geschichte gefunden hat, der wird in einem Stück wie „Am Landwehrkanal“ (dort wurde Anfang 1919 die Leiche der von einem Freikorps-Soldaten ermordeten Rosa Luxemburg gefunden) ganz offensichtliche Anknüpfungspunkte zur Vergangenheit entdecken, die über das rein Historisch-Politische hinaus auch in anderen Songs auftauchen.

Der bisweilen kontemplative Charakter des Albums steht den Neubauten gut, sie sind ja auch als Personen längst über die einstigen Exzesse als „Junge Wilde“ hinaus. Sie schöpfen ihre Kraft und Intensität aus einprägsamen Songs wie „Seven Screws“ (da lässt die Bass-Melodie Anklänge an das TWIN PEAKS-Thema entstehen), die den roten Faden des Albums auf den Punkt bringen: „Ich gehe rückwärts in meinen eigenen Spuren…“. Eine rein retrospektive oder sogar melancholisch-jammerige Angelegenheit ist „Alles in Allem“ jedoch keineswegs, sondern eher eine Gelegenheit, Bilanz zu ziehen, rückschauend Vergangenes zu ordnen, um dann neu sortiert in der Gegenwart weiterzugehen.

Nicht alle Stücke sind so stark wie „Seven Screws“ oder der fantastische Titeltrack, aber dennoch hat das Album eine Menge Substanz zu bieten. Sicher, es ist keine Musik mehr, zu der man sich live aus Versehen eine Schneise in die Stirn flext oder in krachgeschwängerter Ekstase Bühnen anzündet, aber auch wenn die EN meinetwegen nun endgültig „erwachsen“ oder „konservativ“ geworden sind – sie sind nach wie vor eine Gruppe mit eigenem Charakter und einer unverwechselbaren Handschrift, die es versteht, auch nach 40 Jahren noch interessante Musik zu produzieren. Allein das ist mehr als so manch andere Band zu leisten vermag und es geht weit darüber hinaus, was in den Anfangstagen der Neubauten für die Zukunft zu ahnen gewesen wäre. 


- Stefan - 11/2020