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„Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten“
(Rainer Maria Rilke)


[01] MISANTROPUS – The Gnomes (2015)

Seit etwas mehr als 20 Jahren sind die beiden Sanniti-Brüder Alessio (Gitarre) und Vincenzo (Bass) unter dem Namen MISANTROPUS in wechselnder Besetzung unterwegs. Auffallend ist auf den ersten Blick zunächst die irritierende Gestaltung einiger Cover, die der kunstgeschichtliche Laie in mir der naiven Malerei zuordnen würde. Speziell das Motiv der 2013er-Veröffentlichung erinnert an Schulheftkritzeleien, die zum Zeitvertreib entstanden sind und normalerweise eher selten den Weg auf offizielle Tonträgerhüllen finden.

Spirituell haben sich die beiden Italiener auf „The Gnomes“, unterstützt von einem Drummer, von der Natur und ihren Elementen leiten lassen. Musikalisch ist die Struktur der vier Tracks bewusst primitiv gehalten und setzt ganz auf das Prinzip permanenter Wiederholung. Intro und Outro nehmen zusammen etwas mehr als acht Minuten ein und bestehen aus einer düster tönenden Soundkulisse. Die eigentlichen Stücke legen eine Distanz von ca. einer halben Stunde zurück, wobei es hier schon kniffliger wird: Gäbe es die Pausen zwischen den rein instrumentalen Tracks nicht, wären sie nicht allzu leicht voneinander zu unterscheiden. Mit großer Beharrlichkeit wird ein Midtempo-Gitarrenriff minutenlang wiederholt, gelegentlich von einer langsamen Passage unterbrochen, danach wieder aufgenommen und fortgeführt. Für hektische Gemüter, die nicht stillsitzen können, mag dies mangels Abwechslung bereits eine Geduldsprobe darstellen, aber nach den ersten zehn Minuten haben MISANTROPUS sich gerade mal warmgespielt.

So wie auch die Natur aus einem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen besteht, entfaltet auf diesem Album ein vergleichbares Prinzip seine Wirkung. Wozu ein Riff nur für einen Track verwenden, warum nicht ganz im Sinne des Umweltschutzes den Mehrweg-Gedanken verinnerlichen? Und so wird das bereits bekannte Riff zum flauschigen, bequemen Doom-Teppich für die gesamte Platte, wobei die Herren die Monotonie hier noch nicht bis zum Exzess treiben, denn nach knapp einer Viertelstunde setzt ein zweiter Gitarrenpart ein, der nach kurzer Zeit allerdings wieder eingefangen wird. Wer für die zweite Hälfte des Albums auf mehr Abwechslung gehofft hatte, dürfte zusehends im Treibsand eines schier endlos um sich selbst kreisenden Riffs untergehen…

Spätestens im vierten Track entwickelt sich das Gefühl, als sei man zusammen mit der Band wie bei einer LP an einer defekten Stelle hängengeblieben und müsste bis zum Ende aller Zeiten stets das gleiche Riff spielen bzw. hören. Doch ein Ausweg besteht und sei es nur das Überblenden in ein ausgedehntes Outro mit Drone-Elementen, das geschlagene sechs Minuten lang den Hörer in einen anderen Soundkosmos entlässt. Nach erstmaligem Hören mag die Scheibe vielleicht noch tödlich langweilig anmuten, aber das täuscht: Die verschrobene Geschlossenheit hat ihren Reiz, von Anbiederung und Gefallsucht sind MISANTROPUS weit entfernt.

„The Gnomes“ ist auf CD und in zwei limitierten Vinyl-Ausgaben erschienen, in digitaler Form mittels Streaming und Download wird man bei Bandcamp fündig. Bei Interesse einfach HIER entlang…

 

- Stefan - 10/2019