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"Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder,
und der Herbst beginnt. Rote Blätter fallen,
graue Nebel wallen, kühler weht der Wind."
(Franz Schubert)


[01] PAGAN ALTAR - The Room of Shadows (2017)

Es wäre vermessen, zu behaupten, dass PAGAN ALTAR in den (mit langer Unterbrechung) vier Jahrzehnten ihres Bestehens eine wahre Flut an Veröffentlichungen produziert hätten. Das erste Album erschien 20 Jahre nach der Bandgründung, danach folgte die aktivste Phase der Band: Mitte der 2000er Jahre kamen drei Longplayer auf den Markt, gefolgt von einer Zeit, in der PAGAN ALTAR einen schweren Verlust hinnehmen mussten. Sänger Terry Jones starb 2015 an einer Krebserkrankung, die Veröffentlichung des vorliegenden Albums erlebte er nicht mehr. Die Band um seinen Sohn, den Gitarristen Alan Jones, besteht bis heute weiter, um das auf "The Room of Shadows" abgeschlossene Erbe zu bewahren, das mit teils hymnischen Reviews gefeiert wurde.

Da stellt sich natürlich die Frage, ob diese Lobpreisungen nicht vielleicht doch Ausdruck übersteigerter Fanliebe waren. Nicht selten neigt man ja dazu, im ersten Gefühlsüberschwang Höchstnoten zu verteilen - so wie andere Zeitgenossen vor einer Wahl bereitwillig in die Schatulle mit den Steuergeldern greifen. Aber auch über ein Jahr nach seiner Veröffentlichung ist "The Room of Shadows" immer noch ein wirklich herausragender Meilenstein im Epic Doom Metal, der nichts von seiner überragenden Qualität eingebüßt hat.

PAGAN ALTAR haben mit diesem Album ein in sich geschlossenes Werk geschaffen, das vom Coverartwork bis zur Musik als im Grunde makellos gelten kann. Auch wenn es die anderen Songs nicht abwerten soll, so ist es doch der Doppelpack "Dance of the Vampires" zusammen mit dem Titelstück, der die Stärken der Band zum Ausdruck bringt: eine kraftvolle, aber natürlich klingende und nicht zu moderne Produktion, der leicht nasale Gesang von Terry Jones, die mitreißenden Riffs und Soli - hier stimmt alles. Wobei der Begriff Doom Metal für besonders linientreue Genreverfechter stellenweise vielleicht nicht ganz zutreffend klingen mag, denn bisweilen drücken PAGAN ALTAR durchaus auch mal aufs Gaspedal.

Über allem schwebt jedoch eine ergreifende Feierlichkeit, die auch (frühere) Größen wie CANDLEMASS nur an besonderen Tagen hinbekommen haben. Für einen besinnlichen Ausklang sorgt die akustische Ballade "After Forever", mit eineinhalb Minuten eher ein Epilog denn ein kompletter Song und doch passend als Abschluss für ein Album, das lange nachwirken wird. Es mag angesichts der medialen Informations- und Veröffentlichungsflut eine sicher voreilige Vermutung sein, doch von "The Room of Shadows" wird man auch in 10 oder 20 Jahren noch sprechen, selbst wenn größerer kommerzieller Erfolg ausbleiben sollte.

- Stefan - 10/2018

 

[02] OM - Advaitic Songs (2012)

Auch wer als geneigter Hörer im Doom- oder Postrock-Genre eher wohlwollend und nicht überkritisch unterwegs ist, wird eine gewisse Übersättigung kaum leugnen können. Dank der weltweiten Verfügbarkeit ist binnen weniger Minuten Musik im Haus, die man früher entweder nie wahrgenommen hätte oder erst nach Wochen mittels getauschter Kassettenkopien in Händen halten konnte. Die Welt rückt zusammen - so würde es das Floskelteufelchen in mir formulieren, wobei sich die Frage stellt, ob nicht durch das gegenseitige Beeinflussen bestimmte regionale Besonderheiten einfach rausgekegelt werden. Anders gesagt: Da kann die Postrock-Combo aus Singapur schon mal so klingen wie ihre Kollegen aus Kanada, sodass man auf den ersten oder auch zweiten Eindruck keinen Unterschied hört - was nicht unbedingt immer ein Vorteil sein muss.

Der erste Eindruck war es auch, der bei OM leichte Irritationen auslöste: Sind da womöglich irgendwelche religiös verstrahlten Esoteriker am Werk? Der Blick auf die beteiligten Musiker (unter den ehemaligen und noch aktiven Mitgliedern auch solche aus der Besetzung von ASBESTOSDEATH und SLEEP) ließ das Interesse jedoch schnell größer werden. OM bewegen sich zwar durchaus in Doom-Randbereichen, schaffen dadurch Landeplätze für Fans aus diesem Genre, präsentieren daneben aber auch orientalisch oder asiatisch Klingendes wie das einleitende Stück "Addis", das mich in seiner Stimmung ein wenig an den HYBRYDS-Track "Hamyanna El Caballo" auf einem Peaceville-Sampler aus den frühen Neunzigern erinnert.

Auch wenn OM über den gesamten Longplayer eine meditative Aura verbreiten, versinken sie keineswegs in einschläfernder Monotonie. Brummelnder Bass und Doom-Riffs haben also schon ihren Platz, jedoch fehlt hier eine betont düstere oder gar okkulte Aura. Geduld ist freilich gefragt, denn die Tracks 3 bis 5 gehen erst nach mindestens zehn Minuten Spielzeit über die Ziellinie. Dem Trio gelingt es, das Prinzip der Wiederholung nicht über Gebühr zu strapazieren, sodass die Gratwanderung zwischen Intensität und möglicher Langeweile über die knappe Dreiviertelstunde, die das Album einnimmt, als gelungen bezeichnet werden darf.

Der OM-Sound konzentriert in seiner Basis auf die zunächst vielleicht eher spartanisch anmutenden Elemente Bass, Schlagzeug und Gesang. Nicht nur auf diesem Album öffnet er sich aber auch anderen Instrumenten, etwa aus dem Percussion-Bereich, aber auch akzentuiert eingesetzten Streichern (was aber nicht zu einem süßlichen Zuckerguss aus Kitschgeigen führt, die Band geht da schon songdienlich und dezent vor).

Je näher "Advaitic Songs" seinem Ende kommt, desto mehr verlieren sich die Elemente aus Rock und Doom, was Gitarrensüchtige möglicherweise abschrecken wird. Andererseits sorgt die hypnotische Aura der Musik dafür, dass man das Album eher komplett durchhört als auf einzelne Tracks zu achten. Was belegt, dass sich OM mit ihrem durchaus originellen Ansatz eine eigene Nische und damit einen Wiedererkennungswert geschaffen haben - nicht ganz so einfach angesichts einer schier erschlagenden Fülle an interessanten Bands.

- Stefan - 10/2018


[03] BRANDENBURG - Empires will fall (2013) / Cold Nights EP (2016)

Im vergangenen Jahr hatten wir die Russen HUMAN TETRIS zu Gast in der Herbstmusik, daran können wir mit dieser Band gleich direkt anschließen. Auch BRANDENBURG aus Moskau bewegen sich im Postpunk-beeinflussten Indiesektor, Fans von INTERPOL und Konsorten (natürlich auch traditionsbewusste Joy-Division-Anhänger) dürften sich daher besonders angesprochen fühlen. Der Sound ist geradezu ideal herbstgeeignet, sehr ruhig und von Melancholie durchzogen, aber auch mit einem treibenden, dominanten Bass ausgestattet, der hier deutlich aktiver eingesetzt wird statt nur begleitender Rhythmusgeber im Hintergrund zu sein.

Der Erstling "Empires will fall" von 2013 dauert nur eine halbe Stunde, was aber kein Nachteil ist, denn dadurch bleibt das Album kompakt und vermeidet es, mit zu vielen Nummern künstlich aufgeblasen dann phasenweise zu austauschbar zu klingen. BRANDENBURG sind (noch) nicht die großen Songschreiber, die beinahe jedem Stück einen vollkommen unverwechselbaren Charakter mitzugeben in der Lage sind, sie transportieren ihre Qualitäten zu einem beträchtlichen Teil auch über die damit erschaffene Stimmung.

Was aber nicht heißen soll, dass sich keine bemerkenswerten Einzelleistungen auf dem Album finden würden. Das großartig beginnende "Get rid of you" ist sicher das markanteste Stück, aber auch die abschließenden "Seven" und "A lovely Place" müssen sich da nicht verstecken. Die 2016 veröffentlichte digitale EP "Cold Nights" behält einerseits die stilistische Grundausrichtung bei, ist aber zugleich offener und etwas leichter im Sound. Im letzten Stück "That's not the Point at all" kommt sogar ein Saxophon zum Einsatz (für manche ein "verbotenes" Instrument in der Rockmusik, aber da wollen wir mal nicht so streng sein).

Ein Highlight ist "Look at the Sky", wieder um eine dominierende, sich durch den Song ziehende Basslinie aufgebaut, ergänzt mit melodischen Gitarrenakzenten. BRANDENBURG haben damit ihr Repertoire schon recht gut definiert, allerdings auch relativ beschränkt. Soll heißen: Eine allzu experimentierfreudige Ausgangsbasis ist dieser Bandsound nicht oder wird zumindest dafür nicht genutzt, sodass es immer auf die jeweilige Tagesform hinausläuft. Mit den beiden vorliegenden Veröffentlichungen haben BRANDENBURG jedenfalls interessante Musik im Gepäck, die gerade in der aktuellen Jahreszeit sehr gut funktioniert.

Die Band ist auf etlichen Online-Plattformen unterwegs, unter anderem auf YouTube, wo neben einzelnen Clips auch das komplette Album "Empires will fall" zum Probehören bereitsteht.

- Stefan - 10/2018


[04] RIECHMANN - Wunderbar (1978)

Obwohl er nur ein einziges eigenes Album aufnahm, war Wolfgang Riechmann in der Düsseldorfer Musikszene gut vernetzt. Mit den späteren KRAFTWERK- bzw. NEU!-Musikern Wolfgang Flür und Michael Rother hatte Riechmann unter anderem in der Band SPIRITS OF SOUND gespielt. Mit der Gruppe STREETMARK hatte er mit dem vielbeachteten Produzenten Conny Plank (KRAFTWERK, DAF, ULTRAVOX) zusammengearbeitet. In dieser Klangumgebung, im deutschen Elektronik- und Rocksound der Siebzigerjahre, entstanden Riechmanns Kompositionen für sein Soloalbum "Wunderbar", das zugleich sein Vermächtnis wurde.

Die Scheibe war bereits aufgenommen, als Riechmann während eines abendlichen Spaziergangs in Düsseldorf von zwei alkoholisierten Tätern schwer verletzt wurde und wenige Tage später starb. Nicht einmal mehr die offizielle Veröffentlichung seiner LP miterleben zu können, verleiht diesem frühen Tod eine zusätzliche tragische Dimension, denn Riechmann hatte viel Arbeit investiert, fast alle Instrumente selbst eingespielt und ein offenbar sehr starkes Gefühl der Befriedigung empfunden, dass ihm dieses Werk gelungen war.

Das Album beginnt mit dem Titeltrack, der stark beeinflusst vom damals populären Motorik-Beat mit einem Schlagzeugrhythmus durchzogen ist, der den Song nicht nach dem griffigen und mitsingkompatiblen Schema Strophe-Refrain-Strophe-Refrain strukturiert, sondern eine im Grunde monotone Ausgangsidee mit verschiedenen Melodien kombiniert. Dadurch steht am Ende nicht mehr der Song, sondern der fließende Track - also eine frühe Form späterer elektronischer Ausdrucksformen wie im Ambient oder Techno.

Für Fans von Jean-Michel Jarre könnte der Opener "Wunderbar" eine Offenbarung sein und das Stück hätte auch zweifellos das Zeug zu einem internationalen Hit gehabt. Die Melodie macht schier süchtig mit ihrer Mischung aus Romantik und Melancholie, der pulsierende Motorik-Beat gibt ihr ein Gefühl von leichter, schwebender Unendlichkeit. Andere Momente des 35 Minuten langen Albums wie die beeindruckenden Tracks "Abendlicht" und "Silberland" wirken im Vergleich merklich düsterer, sind langsam und schleppend arrangiert. Wieder andere Passagen orientieren sich an deutschem Elektronik-Sound à la KLAUS SCHULZE und auch TANGERINE DREAM-Zitate wird der Kenner der Materie hier mit Sicherheit heraushören können.

Diese Querverweise mögen vielleicht den Eindruck aufkommen lassen, als habe hier jemand sozusagen im Vorbeigehen ein Sammelsurium damals populärer elektronischer Klänge eingetütet und ein Album daraus gemacht. Das wäre allerdings ein recht vorschnelles Urteil, das sicher auch dadurch entstehen mag, dass die genannten Bands und Interpreten sehr viel mehr Musik produzieren konnten und somit ungleich präsenter sind im musikalischen Langzeitgedächtnis. Wolfgang Riechmann dagegen, ein Zeitgenosse und kein bloßer Kopist, hatte nur diese Platte, um ihr seinen Stempel aufzudrücken. Was auf späteren Werken an Ideen und eigener Handschrift noch in Erscheinung hätte treten können, wird für immer ungehört bleiben.

- Stefan - 11/2018


[05] THE BLACK HEART PROCESSION (1998)

Da will man mit einem nun wirklich abgedroschenen Klischee in die nächste Rezension einsteigen und etwas vom "Sunshine State" faseln, aus dem THE BLACK HEART PROCESSION stammen, und stellt dann fest, dass mit diesem Begriff natürlich Florida und nicht etwa Kalifornien gemeint ist (wo die Band tatsächlich beheimatet ist). Naja, Fehlstart eben. Sonnig ist die Musik von TBHP aber in keinem Fall, sondern ein mustergültiger Kandidat für unsere alljährliche Herbstmusik-Strecke. Eingespielt wurde die Scheibe ebenfalls in dieser Jahreszeit von Ende November bis Anfang Dezember und das Resultat lässt keine fröhliche Beschwingtheit, keine sommerliche Unbekümmertheit aufkommen. Auffallend ist, dass sieben von elf Stücken das Wort "Heart" im Titel tragen, wobei die Platte eher spärlich instrumentiert beginnt und entsprechend getragen klingt.

Mit dem dritten Song "Release my Heart" erweitert sich dann das musikalische Spektrum, die traurige Stimmung jedoch bleibt bestehen. Am stärksten ist die Band dann, wenn sie sich auf das Zusammenspiel von Piano, Drums und Gitarre konzentriert. Allerdings spielen auch die musikalisch anders strukturierten Stücke eine wichtige Rolle, sorgen sie doch für eine gewisse Abwechslung, ohne allerdings zu sehr vom roten Faden abzuweichen. Dadurch behält das Debutalbum, das auch mit den Titeln "One" bzw. "1" bezeichnet wird, seine innere Geschlossenheit. Sehr düster wird's mit dem knapp einminütigen Intermezzo "The Winter my Heart froze" und dem sich direkt anschließenden "Stitched to my Heart", die eindrucksvoll dargeboten sind, aber Menschen mit depressivem Gemüt keineswegs als musikalischer Stimmungsaufheller empfohlen werden können.

Wenn sich so etwas wie ein Hit auf dem Album befinden sollte, dürfte das "Square Heart" sein, bei dem sich die Stärken von TBHP eindrucksvoll bündeln. Der Gesang ist melancholisch und leicht leidend, ohne aber in sülziges Gejammer abzugleiten (was bei dieser Art von Musik ja durchaus passieren kann). Den regulären Abschluss bildet das mit beträchtlichem Abstand längste Stück "A Heart the Size of a Horse", langsam und fast feierlich, ohne dass kompositorisch hier noch sehr viel Aufwand betrieben würde. Die limitierte Neuauflage, von der Band selbst anlässlich der letztjährigen Europatour im Eigenverlag veröffentlicht, enthält noch zwei Bonustracks, allerdings soll die Stückzahl dieser Pressung bei gerade mal 300 Exemplaren liegen (bei Interesse discogs.com ansteuern, dort findet man aktuell noch einige Angebote zu ziemlich moderaten Preisen).

In seiner jahreszeitbegleitenden Stimmung könnte man mit dieser Scheibe auch gleich die Herbstmusik dieses Jahres beenden, aber es stehen uns ja noch einige Wochen bevor, sei es mit kühlem, nasskaltem Wetter oder mit sonnigen Altweibersommer-Überbleibseln. Dabei werden auch wieder Klänge zu vernehmen sein, die etwas weniger deprimierend anmuten und nicht nur der Soundtrack für graue, nebelverhangene Tage sind.

- Stefan - 11/2018

Falls sich jemand durch den letzten Abschnitt diskriminiert fühlt, möge er/sie dazu Wikipedia konsultieren: "Das Landgericht Darmstadt hat im Jahr 1989 festgestellt, dass die Verwendung des Ausdrucks Altweibersommer durch die Medien keinen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte von älteren Damen darstellt." (LG Darmstadt, Az. 3 O 535/88)