Mrz 202016
 
Matthias Herr und Chuck Schuldiner von DEATH, Berlin, Oktober 1991

Matthias Herr und Chuck Schuldiner von DEATH, Berlin, Oktober 1991
https://youtu.be/u3DdQ0bb-rg

Wer sich in den 80ern bis in die späten 90er-Jahre über Heavy Metal informieren wollte, musste zum ROCK HARD (alles andere aus dem kommerziellen Print-Sektor zu diesem Thema konnte man eigentlich vergessen) greifen oder sich in den sehr lebhaften Fanzine-Untergrund begeben. In den üblichen Rock-Lexika fand man allenfalls AC/DC oder KISS, vielleicht noch einen Eintrag zu IRON MAIDEN und JUDAS PRIEST oder später zu METALLICA, oft geschrieben mit dem Unterton, dass dies ja keine richtige Rock-Musik sei, sondern nur laut und ordinär. CANDLEMASS, FATES WARNING oder OVERKILL suchte man hier natürlich vergeblich.

Im Juni/Juli 1989 veröffentlichte Matthias Herr aus Berlin-Kreuzberg den ersten Band seines “Heavy Metal Lexikons” im Eigenverlag. Schwarzweiß-Fotos, Schreibmaschinen-Typographie und Fachkompetenz gepaart mit furchtloser Subjektivität waren Kennzeichen dieses Werks, das zu dieser Zeit im deutschen Sprachraum einzigartig war. Im September 1990, in Berlin war die Mauer gefallen, legte Matthias Band 2 in etwas professionellerem Layout nach , der auch eine Musikhistorie, Begriffserklärungen und Fanzine-Vorstellungen (u. a. das GIANT’S LORE und das MORTAL SIN) enthielt. Die Bücher verkauften sich gut und ein Jahr später folgte Band 3, im Anhang eine “Bunte Liste des Heavy Metal”, ein Szene-Überblick und ein Artikel über das ROCK HARD, welcher in den folgenden Jahren das gespannte Verhältnis zwischen Matthias und der Redaktion des RH bestimmen sollte. Bis zum vierten Band (mit einer lobenden Erwähnung des NONKONFORM im Fanzine-Teil!) sollte etwas längere Zeit vergehen, er kam im April 1994 in die Läden und Mailorders, jedoch hatte Matthias dazwischen den ersten Band komplett überarbeitet und im März 1993 veröffentlicht. Zwanzig Jahre sind es bald her, dass der fünfte und letzte Band der Reihe erschien. Im Oktober 1996 war das, und er hatte, wie die Vorgänger, etwa 200 Seiten Umfang.


Matthias Herr hatte sich in seinen Lexika nicht nur auf Heavy Metal (mit seinen damals noch etwa übersichtlicheren Subgenres) beschränkt, sondern stellte auch relevante Bands des klassischen Rock, aus Punk und Hardcore vor und erweiterte damit das musikalische Spektrum vieler Fans. Es gab in seinen Lexika Bands, deren Werke Matthias gleich neben die vier Evangelien stellte – DEATH gehörten dazu – gleichermaßen räumte er Künstlern oder –  aus seiner Sicht – “Künstlern”, die er partout nicht leiden konnte wie WARLOCK/DORO, die gleiche Seitenzahl ein, um dort genüsslich sein Missfallen auszudrücken (“Sie wird dieses Kapitel gut überstehen und überleben, da bin ich sicher”).
Mitte der 90er Jahre moderierte Matthias die Radio-Sendung “Tendenz Hard bis Heavy” bei MDR Sputnik.
Die 600seitige “Black Metal Bible” von 1998 war das letzte journalistische Erzeugnis, sein subjektiver Stil brachte viele an die Grenzen ihrer Toleranz, keines der “Heavy Metal Lexika” war so umstritten.
Die Bände sind heute noch gebraucht erhältlich, man sollte aber damit rechnen,  die damaligen 24,80 heute  in Euro ausgeben zu müssen und dafür ein nicht mehr ganz frisches Exemplar zu bekommen.

Man weiß nicht viel darüber, was Matthias Herr in den einundreißig Jahren vor dem ersten Band des “Heavy Metal Lexikons” gemacht hat, noch weniger weiß man, was nach der “Black Metal Bible” geschah; ein zweiter Teil war angekündigt worden, erschien aber nie. Hatte er nach den heftigen Reaktionen auf sein letztes Werk die Lust verloren, weitere Bücher zu veröffentlichen, hatte er genug  von “zweifelhaften und dubiosen Entwicklungen in einer Branche, in der es scheinbar wenig Gerechtigkeit gibt, Trends kreiert, Gruppen hochgejubelt werden, um sie genauso schnell wieder fallenzulassen” (Backcover-Text von Band 5)? In den Internetforen wird bis heute darüber spekuliert, wie jemand so vollständig von der Bildfläche verschwinden konnte. Es gab wilde Gerüchte, die teils von den Moderatoren gelöscht wurden.

Im April 2003 hatte ich vorsichtig per Brief bei Matthias angefragt, ob er bereit wäre, mit uns ein schriftliches Interview zu führen, und wenige Wochen später schrieb Matthias auf der Rückseite einer Faltanleitung der IKEA-Zeitungssammelbox “Flyt” zurück, dass er gern für ein Interview zur Verfügung stehe und wir ihm einfach die Fragen schicken sollten. Mit dieser Antwort hatten wir gar nicht gerechnet, und so dauerte es etwas, bis wir ihm im Juli einundzwanzig Fragen zu den Heavy-Metal-Lexika, seinen Plänen und seinen heutigen Ansichten zur Musik, Kunst and the everflow zusammen mit einer CD mit den Seiten des “zine with no name” nach Berlin in die Hannemannstr. 1 schickten. Es kam keine Antwort. Im Oktober fragte ich per Brief nach – keine Reaktion. Damit war’s das erstmal für uns. Ich war nicht verärgert, es kann wichtigere Dinge im Leben geben, als Interviewfragen per Brief zu beantworten, und ich kannte die Lebensumstände von Matthias nicht.
Trotzdem probierte ich es drei Jahre später, im Juni 2006, noch einmal unter der bekannten Adresse. Dieser Brief kam als unzustellbar zurück; irgendwann in der Zwischenzeit musste Matthias umgezogen sein.

Zehn Jahre sind seit seitdem vergangen, immer noch frage ich bei Treffen mit alten Heavy-Metal-Fans oder Leuten aus der damaligen Fanzine-Szene, ob sie etwas Neues von Matthias Herr wissen. Bedauerndes Kopfschütteln.
Sitzt er also in einer Holzhütte auf der Mecklenburgischen Seenplatte und schreibt an Band 10 seines “Heavy Metal Lexikons”, auf den Tag wartend, an dem die Zeit reif für die Nachfolger seiner einzigartigen Bücher ist?

Egal, was du heute machst, Matthias: Wenn du dich zu dem äußern willst, was die letzten achtzehn Jahre passiert ist, schreib uns! Wir werden dein Statement hier veröffentlichen. Verwende unsere Postadresse im Impressum, und schreibe bitte zumindest einen Teil mit der Hand, damit wir einigermaßen sicher sein können, dass der Brief nicht gefälscht ist. Vielleicht erinnerst du dich auch noch daran, welche LP du mir vor ca. 25 Jahren auf Kassette überspielt hast ;-).
Es gibt immer noch viele Fans deiner Bücher!

– Martin – 03/2016

Update 26.05.2016: Matthias Herr lebt! Auf unsere schriftliche Interview-Anfrage Ende März  hat er jedoch bis heute nicht geantwortet. Wir respektieren das.

  3 Responses to “WAS MACHT EIGENTLICH… Matthias Herr?”

  1. Schade, schade…
    GROSSARTIGER Schreiber – der Begleiter meiner Jugend!
    Das der Gute am Leben ist freut mich ungemein.
    @Matthias: DANKE!

    Grüße,

    Axel.

  2. Hallo Sanijo,
    danke für die Infos zu Matthias’ Tätigkeit beim MDR!
    Ich habe da auch noch einmal recherchiert. Manche hatten angenommen, es wäre eine Namensverwechslung gewesen und Matthias Hopke hätte “Tendenz Hard bis Heavy” moderiert (Quelle: http://www.sacredmetal.de/board/viewtopic.php?f=6&t=1204&sid=64a2bf64da939401d5235382b6edd51a&start=45#p414569).
    Jedoch hat dieser im Frühjahr 1994 MDR Sputnik verlassen (Quelle: http://www.radioforen.de/index.php?threads/die-letzten-30-minuten-von-dt64-auf-ukw-am-30-06-1992.33904/page-3 – Beitrag #55).
    Ich habe das im Text oben geändert.

    – Martin –

  3. Auch ich hatte M. Herr ca. 1996 versucht zu Interviewen. Erfolglos, obwohl er mir viermal telefonisch zusagte. Das mit der Moderation stimmt aber, die Sendung hieß „Tendenz Hard bis Heavy“ und wurde vom MDR Sputnik übertragen. Ich habe sie über Satellit empfangen, eine Sendung müßte ich noch auf VHS Kassette haben. Da ich ihn telefonisch erreicht habe, ich ihn auch auf die Sendung angesprochen da er Rigor Mortis (Texas) spielte und ich ihn fragte wo ich die Platte kaufen könne, er nannte mir ein paar Läden in Berlin wo ich das Vinyl auch bekam. Er sagte auch das es die letzten Sendungen sein werden.

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