Jun 052020
 

31. Jahrestag der blutigen Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz in Peking: Als ich heute das Foto des “Tank Man” in den Nachrichten sah, bekam ich wieder leichte Gänsehaut. Ein Mann mit zwei Einkaufstüten stellt sich den Panzern entgegen, steigt sogar auf den Panzer und zwingt den Fahrer so zum Öffnen der Luke.
Das Foto wird ikonisch, der “Tank Man” verschwindet im Nebel der Geschichte. Bis heute weiß niemand, was aus ihm wurde, ob er untergetaucht ist, ausgewandert oder hingerichtet wurde.

Und dann fiel mir ein, dass Anthrax ihm auf dem gut ein Jahr später erschienen Album “Persistence of Time” ein Denkmal gesetzt haben:

Nicht das schlechteste Album, das Anthrax gemacht haben.

Martin – 06/2020

Jun 052020
 

Mike Seifert ist tot! Irgendwann Ende Januar hat er sich nach längerer Abstinenz nunmehr endgültig aus der “Szene” verabschiedet. So ist es zumindest dem Nachruf von Marco Magin auf der Break Out-Website zu entnehmen.

Auch wenn es die letzten Jahre sehr still um ihn geworden war – es plagten ihn inzwischen wohl diverse nicht nur körperliche Leiden – so werde ich ihn doch immer irgendwie als eine Art Vorbild in Erinnerung behalten. Unter all den vielen Rock-Schreiberlingen war es nicht zuletzt er, der mich dazu gebracht hat, über the one and only Lieblingsmucke zu schreiben. Und zwar nicht nur enthusiastisch & leidenschaftlich, sondern auch – und dies vor allem – augenzwinkernd-ironisch bis kritisch.

Für mich unvergessen sind und bleiben Mikes Analysen & Auslassungen zu Manowar (naturgemäß zwiespältig: Image/Texte und Musik schieden vor allem damals – noch zu Ross the Boss-Zeiten – schon oft genug die Geister!), sein legendärer Pennywise-Aprilscherz in der Break Out-Ausgabe 4/1989 (ja, auch ich bin damals mit fliegenden Fahnen darauf hereingefallen und habe händeringend versucht, diese sagenhafte Platte aufzutreiben…) sowie all seine wohldurchdachten (und – formulierten), differenzierten und pointierten Artikel. Diese konnten durchaus auch einmal als “spitzfindige Banalitäten” daherkommen, atmeten aber auch dann immer noch den Hauch schreiberischer Genialität, die ihn eben auszeichnete. Neben dem Break Out war Mike noch für das Rock Hard sowie für das Rocks aktiv und dürfte somit den meisten Rockmusikfans in irgendeiner Weise einmal untergekommen sein.

Rest in peace, Mike! Beziehungsweise requiescas in pace (wäre wohl eher deine Formulierung gewesen…) – du wirst “uns” sehr fehlen. Ob wir dich nun bewußt wahrgenommen haben oder eher am Rande. But the quality standards you set will never die!

Klaus – 06/2020

Nov 162019
 

Mit Bestürzung haben wir erfahren, dass Eddi Ambrozi, Herausgeber des “Giants Lore”-Fanzines, am 31. Oktober 2019 im Alter von 52 Jahren gestorben ist.
Drei Ausgaben des “Giants Lore” hatte er Ende der 80er Jahre zusammen mit Beate Humburger im liebevollen Schreibmaschinen-Klebe-Layout erschaffen. Die letzten zwei habe noch in Klarsichthüllen im Regal, und immer, wenn ich sie mal wieder durchblättere, bekomme ich eine Ahnung des Gefühls, hier auf etwas ganz Eigenes gestoßen zu sein, das mich beim ersten Lesen erfasste, als ich gerade den Heavy Metal zu entdecken begann.
Doch das “Giants Lore” war nicht nur Metal der undergroundigen Sorte, es wurden auch Filme, Bücher und Comics auf eine sehr persönliche Weise besprochen. Ja, manchmal haben mir die Texte, die er geschrieben hat, besser als die Bands, um die es ging, gefallen ;-).
Eddi und Beate hatten ihre ganz eigene Art des Metal-Undergrounds gezaubert und damit das “Nonkonform” schwer beeinflußt , das nach dem Ende des “Giants Lore” entstand (und zu dem Eddi auch einzelne Texte beisteuerte), welches schließlich in das “zine with no name” überging. Die ganze Geschichte dazu könnt ihr hier lesen.

Persönlich habe ich Eddi nie getroffen, und auch bei Heiko und anderen Leuten aus der damaligen Fanzine-Szene war der Kontakt mit Eddi im Laufe der Jahre eingeschlafen.

Sein Einfluss auf viele, die damals nach dem Lesen des “Giants Lore” selbst zu Schreibmaschine, Word 2.0, Klebestift und Schere griffen, ist nur unzureichend in Worte zu fassen.

Dafür danken wir dir, wohin du auch gegangen sein magst…
.
… into the Void…
… to Arcana…
… into the Everflow..
.

– Martin –

Die drei Ausgaben des “Giants Lore” könnt ihr im Netz finden:
Giants Lore #1
Giants Lore #2
Giants Lore #3

Eddis Versuch einer Annäherung an “Into The Everflow” von Psychotic Waltz aus dem Nonkonform #2 (geschrieben 1992 oder 1993).

Apr 062018
 

Das neue Album von Turbonegro ist nicht auf ungeteilte Begeisterung gestoßen, aber das läuft ja schon so seit dem letzten Sängerwechsel (Goodbye Hank, Hello Tony). Auch musikalisch fährt die Band auf „RockNRoll Machine“ nicht mehr auf der Schiene der Neunziger-Platten, das Wilde und Ungestüme ist kontrollierter Offensive gewichen (würde zumindest Otto Rehhagel sagen). Bereits das Bandlogo im Eighties-Scorpions-Style zeigt, wohin die Reise geht: teilweise ziemlich präsente Keyboards, die Gitarren deshalb aber nicht zum Schattendasein verdammt. Für die Fans der alten Schule dürfte trotzdem phasenweise zu viel Synthie-Kleister an Bord sein, obwohl die erste Viertelstunde durchaus guten Hardrock zu bieten hat (Anspieltipp: „Hurry up & die“). „Skinhead Rock & Roll“ oder die „John Carpenter Powder Ballad“ wecken keine uneingeschränkt positiven Erinnerungen an die Achtziger – von diesen Keyboards kriegt man später vermutlich mal Karies. Die Texte sind gewohnt derb-humorvoll und auch eine „Special Education“ im Turbonegro-Stil ist mit Sicherheit nicht jugendfrei.

 

LONG DISTANCE CALLING sind im ZWNN letztmalig im Rahmen der Herbstmusik aufgetaucht. Mit ihrem neuen Album „Boundless“ (jetzt wieder rein instrumental) hat die Band gut abgeräumt, die Kritiken waren größtenteils hervorragend. Obwohl das Artwork zunächst an nebelverhangene Herbsttage denken lässt, funktioniert „Boundless“ auch zu anderen Gelegenheiten. Die Kompositionen kommen gut auf den Punkt, sind raumgreifend, ohne aber ins Diffuse abzudriften. Für manche Kritiker ist das zwar zu wenig Metal und zu sehr „Studentenmusik“, aber das hat die Band nicht zu stören, zumal Besserwisser und Dauernörgler ja immer etwas zu bemängeln haben (und wenn es bloß „Hipster-Bärte“ sind).

 

Der Nachtfalter fliegt wieder: Vielleicht starten BLACK MOTH ja diesmal größer durch, was eigentlich schon beim Vorgänger „Condemned to Hope“ möglich gewesen wäre. Verglichen mit dem letzten Album sind die Engländer auf „Anatomic Venus“ etwas zurückhaltender und ernsthafter geworden, was sich nach mehreren Hördurchgängen nicht als Nachteil entpuppt. Die neue Scheibe ist nur phasenweise eben nicht so eingängig wie es noch auf ihrem 2014er Longplayer der Fall war, aber trotz knackigerer Einzelhits auf „Condemned…“ haben BLACK MOTH nicht an Qualität verloren.

 

Nachdem uns die Existenz eines neuen EA80-Albums („Definitiv: Ja!“ vom Oktober 2017) bis vor Kurzem doch glatt verborgen geblieben ist, sollen wenigstens DIE SKEPTIKER zeitnah Erwähnung finden. Seit ihrem Debütalbum waren sie für mich zwar unregelmäßige, dennoch stets vorhandene musikalische Wegbegleiter. Besonders markant ist die Band durch den theatralischen, unverwechselbaren Gesang von Eugen Balanskat – daran hat sich auch auf „Kein Weg zu weit“ nichts geändert. Im Jahr 2018 spielen DIE SKEPTIKER immer noch ihren melancholischen, nachdenklichen Punkrock mit politischem Bewusstsein und sind dabei so eigenwillig geblieben wie die eingangs erwähnten EA80.

 

Last but not least haben auch die Kalifornier FU MANCHU ein neues Album veröffentlicht, das sich „Clone of the Universe“ nennt und mit Alex Lifeson von Rush einen prominenten Gast zu bieten hat. Die Platte besteht, wenn man so will, aus zwei Variationen des Band-Sounds: Seite A enthält kurze, schnell auf den Punkt kommende Rocksongs mit durchschnittlich drei Minuten Länge, während „Il Mostro atomico“ auf Seite B (hier ist Lifeson zu hören) einer ausgedehnten Jam-Session gleicht und mit satten 18 Minuten durchs Ziel geht (auf CD funktioniert das A/B-Konzept natürlich weniger, klar). Beides tönt in fetter Produktion sehr überzeugend und zeigt keine Schwachstellen, sodass man das Album jedem empfehlen kann, der generell mit Stoner Rock von Kyuss bis neuere Kinski etwas anzufangen weiß.


– Stefan – 04/2018

Jan 152018
 

Ende des vergangenen Jahres haben Relapse Records das erste Album von THE OBSESSED wieder neu aufgelegt. Eigentlich sollte die Scheibe in den Achtzigern bei Metal Blade erscheinen, doch es dauerte bis 1990, als sich Hellhound Records der Sache annahmen. Die Doppel-CD enthält das Album, das 1984er Demo „Concrete Cancer“ sowie zehn Livestücke von 1985. Kostensparender (wenn’s kein Vinyl sein muss) fährt man mit der Doppel-CD, es gibt das Album und „Concrete Cancer“ aber auch jeweils separat auf Platte. Garniert wird der ganze Spaß mit Liner Notes von Scott „Wino“ Weinrich und alten Bandfotos (die Frisur von Wino ist echt kultig, wobei wir damals sicher nicht besser aussahen…).

 

Neben New Model Army sind TRUST eine der am häufigsten auftauchenden Bands im ZWNN und es gibt sie immer noch! Frisch auf dem Markt ist der Mitschnitt vom letztjährigen Hellfest, der sich eines recht guten Vertriebs erfreut – immerhin waren sogar beim örtlichen Media Markt einige Exemplare zu finden. Das 2-Disc-Set enthält das Konzert auf Audio-CD und als DVD, wobei die DVD als Bonus noch einen gemeinsamen Auftritt von TRUST und ANTHRAX in Straßburg spendiert bekam (gespielt wurde dabei, man errät es leicht, natürlich „Antisocial“). Sehr viel neueren Datums ist der Song „L’Archange“, hier in einem Konzertmitschnitt von der letztjährigen Sommertour durch Frankreich.

 

Wer Justin Broadrick (Godflesh, Jesu) kennt, dürfte auch mit seinen musikalischen Aktivitäten vertraut sein, die weit über Gitarrenmusik hinausgehen. Im vergangenen Herbst erschien sein Remix eines Stücks der texanischen Synthie-Band SURVIVE auf deren letzter 12“-EP. Etwas ruhiger und sphärischer sind die ursprünglichen Versionen der Tracks, nachzuhören auf einem 2016 erschienenen SURVIVE-Longplayer, der sich auch sehr gut als Filmscore machen würde. Antesten lohnt sich!

 

Ausgewiesene Experten im schwedischen Todesmetall wissen natürlich mit der Band Nirvana 2002 etwas anzufangen, auch wenn diese zu ihren aktiven Zeiten nicht über einige Demos und einen Samplerbeitrag hinauskam (später als Compilation wiederveröffentlicht). Als Nachfolgeband kann man UNDER THE CHURCH ansehen, schließlich sind dort zwei Drittel von Nirvana 2002 erneut versammelt. Der Sound ist wenig überraschend Death Metal in typisch schwedischem Sound: gerne nachgeahmt, aber in dieser Form halt doch von den einheimischen Bands am besten präsentiert. Ende 2017 erschien das zweite Album mit dem Titel „Supernatural Punishment“, daneben gibt’s außerdem diverse Singles und ein Livetape.

 

Und wo wir gerade in Schweden sind: Die Gothic-Doomer von STILLBORN haben nach einem satten Vierteljahrhundert doch tatsächlich eine neue Platte veröffentlicht. Das letzte Album stammt von 1992, eine Single folgte mit großem Abstand im Jahr 2003. Die neue Scheibe „Nocturnals“ und speziell das unten verlinkte Video mögen zu Anfang vielleicht etwas schrullig wirken, aber daraus entwickelt sich schnell ein ganz eigener Charme. Im Soundcheck des vorletzten Deaf Forever landete die Platte auf dem fünften Platz – von unten aus betrachtet. Wie damals im Metal Hammer, als man bei bestimmten Bands und Genres aus gutem Grund lieber die letzten Platzierungen konsultierte… Wer „Nocturnals“ komplett probehören möchte, kann das hier tun:

– Stefan –  01/2018

Jul 302017
 

Trust im ehrwürdigen bestuhlten Amphitheater Theatre Des Champs in Carcassonne beginnen bei Tageslicht den Set souverän. Nacheinander betreten die Musiker spielend die Bühne und steigen vehement in den (unbekannten) den Opener “Archange” ein. Carcassonne singt begeistert die Zeilen”… ni dieu, ni maitre…” mit, bevor nahtlos “Marche ou Creve” folgt. Ein fulminates und entsprechend gefeiertes “Fais où on te dit faire” macht endgültig klar, dass es hier nicht nur die Greatest Hits Show gibt, sondern etwas für die Eingeweihten. Schließlich stammt letztgenannter Song vom umstrittenen Album 13 a la table. Die Band macht die ganzen 90 Minuten über einen extrem spielfreudigen, bissigen und inspirierten Eindruck. Genau das holt nach spätestens 20 Minuten auch den letzten Skeptiker in der ausverkauften Arena ab. Der neue jugendliche Drummer Chris Dupoy belebt und treibt die Rhythmussektion mit dem zurückgekehrten Virtuosen David Jacob am Bass nach vorne. Alsdann spuckt ihm Bernie regelmäßig Wasser auf den Kopf. Izo Diop an der Rhythmusgitarre spielt einen eher punkverhaften Stil, der aber in der Simplizität dem Tempo gut tut und den Kontrast zu Nono bildet. Bernie Bonvoisin, wie immer völlig unmetallisch gewandet mit Hawaiihemd und Sommerhut , hat so das Fundament seine links geprägten Lyrics entsprechend prägnant in Szene zu setzen. Und dann ist da natürlich der „Boss“ Nono, Norbert Krief, an der Leadgitarre. Er ist als einziger kleidungsstilistisch eindeutig als Rockstar erkennbar und zieht die volle Show des glitzernden Gitarrenhelden durch, der dabei aber immer sympathisch und lächelnd, song- und banddienlich spielt, sich aber niemals in Selbstdarstellung verliert. Die Band treibt sich durch einen Set mit Klassikern und vergessenen Perlen (“Surveille ton look”) und vier neuen unbekannten Songs. Diese haben stilistische Bandbreite, sind latent bis offen aggressiv und lassen folglich auf ein großartiges neues Werk hoffen. Am meisten Anklang fand (natürlich) der Boogie Song, einer der Sorte, auf den man bei AC/DC seit Bad Boy Boogie wartet. Frech dort zitiert und ins heutige Frankreich katapultiert, Chapeau! Als Setcloser ein wütend forderndes “L‘Elite”, bevor die obligatorische Zugabe “Antisocial” den Auftritt triumphal beendet. Auch bei letztgenannten Songs kommt nicht ein Sekundenbruchteil der Eindruck auf, dass es sich um eine bloße Reunion wegen des Geldes handelt. Hier haben die zwei Veteranen Bernie und Nono nochmal Blut geleckt und lassen sich mit drei weiteren hervorragenden Musikern nach vorne tragen. Übrigens hielt sich Bernie mit politischen Aussagen während des Auftritts zurück, schließlich wollten Europe ja dreißig Minuten später das Publikum zur selben Euphorie herausfordern. Allerdings war das Finale des Trustgigs hinsichtlich lautstarker Publikumsovationen über die inzwischen nächtliche Cité von Carcassonne nicht mehr zu toppen. Für einen Festivalauftritt vergebe ich 5 von 5 Sternen. Natürlich ist bei einem gemischten Publikum immer Luft nach oben. Deswegen geht es im November auch nochmal nach Paris, um Trust dort vor eigenem Publikum zu sehen.

 – Dirk – 07/2017

Jul 242017
 

Tausende von Lesern haben darauf gewartet, jetzt ist es soweit: Das ZWNN lüftet den Vorhang und gewährt Einblicke in den spannenden Redaktionsalltag. Immerhin seit 17 Jahren besteht dieses Online-Magazin nun schon bzw. sogar über 20, wenn man den Print-Vorläufer NONKONFORM mitrechnet. Aus dieser Zeit haben wir im Archiv ein atemberaubendes Dokument wiedergefunden:

So professionell wurde also bereits zu NONKONFORM-Zeiten gearbeitet, wie diese exklusive Preview auf einen BAD RELIGION-Artikel zeigt. Clever durchdachte Leserführung im Layout nach klar strukturiertem Konzept, verknüpft mit politisch brisanter Bildauswahl. Wie man sieht, blieb in der Planung nichts dem Zufall überlassen. Heute noch arbeiten auch namhafte Medienhäuser nach diesem Vorbild, was uns (bei aller gebotenen Bescheidenheit) im Rückblick doch ein wenig mit Stolz erfüllt.

Mehr als zwei Dekaden später sieht eine Redaktionskonferenz des ZWNN in etwa so aus:

Mit Hilfe harter Spirituosen im Biergarten unseres Vertrauens nehmen wir für gewöhnlich die hiesige Presselandschaft unter die Lupe und legen den Masterplan für kommende Artikel fest. Im Bild oben (festgehalten im September 2015) wird dies durch zwei Kastanien angedeutet, die dem kundigen Auge des Betrachters subtil vermitteln: Die alljährliche Herbstmusik-Strecke steht vor der Tür…

Aber es bleibt gelegentlich auch Zeit für etwas Schabernack: Vor den Toren unserer Stammkneipe bot sich eine Location an, die wie geschaffen wirkte für ein kleines Fotoshooting, bei dem wir ein Covermotiv von EA80 nachstellten. Falls wir irgendwann vielleicht sogar eine Band gründen sollten (Tendenz: eher unwahrscheinlich), wäre zumindest die Frage nach dem Coverdesign schon mal geklärt…

– Stefan –  07/2017

Mrz 202017
 

Zugegeben: Das ZWNN ist wohl nicht gerade die erste Wahl, wenn es darum geht, permanent am Puls der Zeit zu sein. Aber so ganz leben wir ja nun auch nicht hinter dem Mond.

Die österreichischen Avantgarde-Metaller DISHARMONIC ORCHESTRA begannen mit erfrischendem Grindcore-Geschepper, das war noch tief in den ausgehenden Achtzigern. Nach einigen Alben und musikalischen Stilwechseln war zwischenzeitlich Feierabend. Im Herbst 2016 kam nach langen 14 Jahren erstmals wieder ein neues Album auf den Markt, erschienen im Eigenverlag. Das verdient Unterstützung: Den neuen Longplayer „Fear of Angst“ gibt’s auf CD und Vinyl im Webshop der Band zu bestellen, nebst Merchandise und zwei älteren Platten als LP-Wiederveröffentlichung.

Einkaufen: http://www.disharmonic.com/shop
Mehr Disharmonisches: http://www.disharmonic.com/music

 

In der letzten Herbstmusik hatten wir mit KRUX ein Projekt von Candlemasstermind Leif Edling vorgestellt. In eine ähnliche Kerbe schlägt THE DOOMSDAY KINGDOM, gerade eben Platte des Monats im Rock Hard geworden. Musikalisch wird das serviert, was Edling offensichtlich am besten kann: klassischer Doom Metal, nicht ganz so schwer und massiv im Sound wie etwa das KRUX-Debüt, aber auch in puncto Gesang durchaus damit vergleichbar. Ob das nun an die alten CANDLEMASS-Klassiker heranreicht oder doch eher „von der Stange“ ist, wie manche Kritiker in den Foren meinen? Keine Ahnung, entscheidet selbst:

 

Die Sache mit der hohen Messlatte ist auch bei THE OBSESSED ein Problem: Ja, das 1994er Album „The Church Within“ ist eine Hausnummer, die man erst einmal wieder erreichen muss. Aber auch damals gab es Songs, die vor allem im Albumkontext funktionierten, während sie als Einzelstücke nicht unbedingt sofort Begeisterung auslösten. „Sacred“ wird der Titel der Comebackscheibe lauten, und was bis dato vorab zu hören war, klingt nach klassischem OBSESSED-Stoff. Keine Experimente, bewährte Machart – was nichts Schlechtes bedeuten muss. Ohne Nerd-Overkill geht’s natürlich heutzutage auch hier nicht mehr: Das Vinyl erscheint unter anderem als „Super Deluxe“-Version, als „Metallic Gold Splatter“ und in sattem Rot. Ausgaben mit CDs und Shirts gibt’s ebenfalls: http://relapse.com/the-obsessed-sacred

 

„Forward Into The Past“ wird das bald erscheinende Album von SKYCLAD heißen, was mir auf seltsame Weise wie eine Art ZWNN-Motto erscheint. Wie dem auch sei: Im NONKONFORM hatten SKYCLAD immer einen Stein im Brett, und während (angeblich) auch an der Wiederveröffentlichung der älteren auf Noise Records erschienenen Scheiben gearbeitet wird, bleibt die Band in neuer Formation weiter auf Kurs. Zu Pfingsten steht ein Gastspiel beim Rock-Hard-Festival auf dem Programm, sodass wir SKYCLAD vielleicht sogar im TV-Programm wiedersehen werden (der WDR-Rockpalast überträgt ja traditionell von dort). Vorab gibt es von der neuen Scheibe das Stück „Change is coming“ zu hören, bei dem es sich lohnt, auch den Text genauer zu studieren. Ja, es gibt sie, die Bands mit konkreten Inhalten abseits von Klischee-Abfeierei oder Szeneverboten à la „Im Metal hat Politik nichts verloren“ (wieso eigentlich?).

– Stefan –  03/2017

Mrz 202016
 

Matthias Herr und Chuck Schuldiner von DEATH, Berlin, Oktober 1991

Matthias Herr und Chuck Schuldiner von DEATH, Berlin, Oktober 1991
https://youtu.be/u3DdQ0bb-rg

Wer sich in den 80ern bis in die späten 90er-Jahre über Heavy Metal informieren wollte, musste zum ROCK HARD (alles andere aus dem kommerziellen Print-Sektor zu diesem Thema konnte man eigentlich vergessen) greifen oder sich in den sehr lebhaften Fanzine-Untergrund begeben. In den üblichen Rock-Lexika fand man allenfalls AC/DC oder KISS, vielleicht noch einen Eintrag zu IRON MAIDEN und JUDAS PRIEST oder später zu METALLICA, oft geschrieben mit dem Unterton, dass dies ja keine richtige Rock-Musik sei, sondern nur laut und ordinär. CANDLEMASS, FATES WARNING oder OVERKILL suchte man hier natürlich vergeblich.

Im Juni/Juli 1989 veröffentlichte Matthias Herr aus Berlin-Kreuzberg den ersten Band seines “Heavy Metal Lexikons” im Eigenverlag. Schwarzweiß-Fotos, Schreibmaschinen-Typographie und Fachkompetenz gepaart mit furchtloser Subjektivität waren Kennzeichen dieses Werks, das zu dieser Zeit im deutschen Sprachraum einzigartig war. Im September 1990, in Berlin war die Mauer gefallen, legte Matthias Band 2 in etwas professionellerem Layout nach , der auch eine Musikhistorie, Begriffserklärungen und Fanzine-Vorstellungen (u. a. das GIANT’S LORE und das MORTAL SIN) enthielt. Die Bücher verkauften sich gut und ein Jahr später folgte Band 3, im Anhang eine “Bunte Liste des Heavy Metal”, ein Szene-Überblick und ein Artikel über das ROCK HARD, welcher in den folgenden Jahren das gespannte Verhältnis zwischen Matthias und der Redaktion des RH bestimmen sollte. Bis zum vierten Band (mit einer lobenden Erwähnung des NONKONFORM im Fanzine-Teil!) sollte etwas längere Zeit vergehen, er kam im April 1994 in die Läden und Mailorders, jedoch hatte Matthias dazwischen den ersten Band komplett überarbeitet und im März 1993 veröffentlicht. Zwanzig Jahre sind es bald her, dass der fünfte und letzte Band der Reihe erschien. Im Oktober 1996 war das, und er hatte, wie die Vorgänger, etwa 200 Seiten Umfang.


Matthias Herr hatte sich in seinen Lexika nicht nur auf Heavy Metal (mit seinen damals noch etwa übersichtlicheren Subgenres) beschränkt, sondern stellte auch relevante Bands des klassischen Rock, aus Punk und Hardcore vor und erweiterte damit das musikalische Spektrum vieler Fans. Es gab in seinen Lexika Bands, deren Werke Matthias gleich neben die vier Evangelien stellte – DEATH gehörten dazu – gleichermaßen räumte er Künstlern oder –  aus seiner Sicht – “Künstlern”, die er partout nicht leiden konnte wie WARLOCK/DORO, die gleiche Seitenzahl ein, um dort genüsslich sein Missfallen auszudrücken (“Sie wird dieses Kapitel gut überstehen und überleben, da bin ich sicher”).
Mitte der 90er Jahre moderierte Matthias die Radio-Sendung “Tendenz Hard bis Heavy” bei MDR Sputnik.
Die 600seitige “Black Metal Bible” von 1998 war das letzte journalistische Erzeugnis, sein subjektiver Stil brachte viele an die Grenzen ihrer Toleranz, keines der “Heavy Metal Lexika” war so umstritten.
Die Bände sind heute noch gebraucht erhältlich, man sollte aber damit rechnen,  die damaligen 24,80 heute  in Euro ausgeben zu müssen und dafür ein nicht mehr ganz frisches Exemplar zu bekommen.

Man weiß nicht viel darüber, was Matthias Herr in den einundreißig Jahren vor dem ersten Band des “Heavy Metal Lexikons” gemacht hat, noch weniger weiß man, was nach der “Black Metal Bible” geschah; ein zweiter Teil war angekündigt worden, erschien aber nie. Hatte er nach den heftigen Reaktionen auf sein letztes Werk die Lust verloren, weitere Bücher zu veröffentlichen, hatte er genug  von “zweifelhaften und dubiosen Entwicklungen in einer Branche, in der es scheinbar wenig Gerechtigkeit gibt, Trends kreiert, Gruppen hochgejubelt werden, um sie genauso schnell wieder fallenzulassen” (Backcover-Text von Band 5)? In den Internetforen wird bis heute darüber spekuliert, wie jemand so vollständig von der Bildfläche verschwinden konnte. Es gab wilde Gerüchte, die teils von den Moderatoren gelöscht wurden.

Im April 2003 hatte ich vorsichtig per Brief bei Matthias angefragt, ob er bereit wäre, mit uns ein schriftliches Interview zu führen, und wenige Wochen später schrieb Matthias auf der Rückseite einer Faltanleitung der IKEA-Zeitungssammelbox “Flyt” zurück, dass er gern für ein Interview zur Verfügung stehe und wir ihm einfach die Fragen schicken sollten. Mit dieser Antwort hatten wir gar nicht gerechnet, und so dauerte es etwas, bis wir ihm im Juli einundzwanzig Fragen zu den Heavy-Metal-Lexika, seinen Plänen und seinen heutigen Ansichten zur Musik, Kunst and the everflow zusammen mit einer CD mit den Seiten des “zine with no name” nach Berlin in die Hannemannstr. 1 schickten. Es kam keine Antwort. Im Oktober fragte ich per Brief nach – keine Reaktion. Damit war’s das erstmal für uns. Ich war nicht verärgert, es kann wichtigere Dinge im Leben geben, als Interviewfragen per Brief zu beantworten, und ich kannte die Lebensumstände von Matthias nicht.
Trotzdem probierte ich es drei Jahre später, im Juni 2006, noch einmal unter der bekannten Adresse. Dieser Brief kam als unzustellbar zurück; irgendwann in der Zwischenzeit musste Matthias umgezogen sein.

Zehn Jahre sind seit seitdem vergangen, immer noch frage ich bei Treffen mit alten Heavy-Metal-Fans oder Leuten aus der damaligen Fanzine-Szene, ob sie etwas Neues von Matthias Herr wissen. Bedauerndes Kopfschütteln.
Sitzt er also in einer Holzhütte auf der Mecklenburgischen Seenplatte und schreibt an Band 10 seines “Heavy Metal Lexikons”, auf den Tag wartend, an dem die Zeit reif für die Nachfolger seiner einzigartigen Bücher ist?

Egal, was du heute machst, Matthias: Wenn du dich zu dem äußern willst, was die letzten achtzehn Jahre passiert ist, schreib uns! Wir werden dein Statement hier veröffentlichen. Verwende unsere Postadresse im Impressum, und schreibe bitte zumindest einen Teil mit der Hand, damit wir einigermaßen sicher sein können, dass der Brief nicht gefälscht ist. Vielleicht erinnerst du dich auch noch daran, welche LP du mir vor ca. 25 Jahren auf Kassette überspielt hast ;-).
Es gibt immer noch viele Fans deiner Bücher!

– Martin – 03/2016

Update 26.05.2016: Matthias Herr lebt! Auf unsere schriftliche Interview-Anfrage Ende März  hat er jedoch bis heute nicht geantwortet. Wir respektieren das.

Nov 022014
 

20 years ago, thus way back in 1994, the Norwegian band The 3rd And The Mortal released their debut album “Tears Laid In Earth” which I still consider the best atmospheric Doom Metal album. To my knowledge, it was also the first metal album to only feature clean female vocals, later on also referred to as “heavenly female voices“. (Some male-fronted metal bands had been experimenting with this type of vocals already earlier, but only on single songs or – as in the case of Paradise Lost – in combination with harsh male vocals.) Already a bit earlier, The 3rd And The Mortal had released their debut EP “Sorrow”, whose music was in the same vein as on their debut album and also featured the beautiful clean voice of Kari Rueslåtten. But it wasn’t before October 18th, 2014, 20 years and 13 days after I had bought “Tears Laid In Earth”, that I finally got the chance to hear 3 songs from that album, including my absolute fave “Death-Hymn”, performed live by the original singer Kari Rueslåtten. This was probably also due to the fact that Kari had left the band already in 1995 to start a solo-career which had absolutely nothing to do with metal.

I never might have heard any of the songs from The 3rd And The Mortal’s debut album live sung by Kari Rueslåtten, if she hadn’t somehow gotten into contact with Leaves’ Eyes- and former Theatre of Tragedy-vocalist Liv Kristine and former The Gathering-singer Anneke van Giersbergen a while ago and all three of them had started planning to do something together, which eventually became a project called The Sirens. I have to admit that I have never been a big fan of Theatre of Tragedy, because in addition to Liv’s clean female vocals, they also featured male growling, something I still can’t stand today, whereas I liked The Gathering with Anneke on vocals right from the beginning, thus the release of “Mandylion” in 1995, and got the chance to see and hear them live for the first time already about 19 years ago, on December 29th, 1995, to be precise.

I’ve been attending the Metal Female Voices Fest nearly each year since 2004, though in the past years mostly as some kind of habit and not because of the bands performing there (with a few exceptions here and there). When this year’s line-up already looked rather bleak for me, The Sirens were one of the last acts to be announced. When I read that they would play also some “old stuff” of their former bands, I thought that this might turn out to be the most interesting act for me and I was not mistaken.

I’m tempted to say that hearing “Death-Hymn” with Kari Rueslåtten on vocals alone was worth the trip to this festival (in spite of the fact that the live version was about two minutes shorter than the album version) – Kari’s vocals live sounded as clear and beautiful as they did 20 years ago on the album version of this song. The same applies to the other two songs from “Tears Laid In Earth” which were played at this festival, namely “Autopoéma” (often misspelled – like on the backside of the original album cover – as “Atupoéma”) and “Why So Lonely”, the latter being performed as a duet with Anneke van Giersbergen. For me, these three songs were the absolute highlights of this year’s Metal Female Voices Fest, followed by Anneke’s performance of “Strange Machines” and “In Motion #1” – the latter as a duet with Kari – from The Gathering’s album “Mandylion”.

The entire The Sirens-concert lasted about 75 minutes and the setlist was therefore somewhat shorter than on the other concerts they played on their mini-tour. (I found e.g. a setlist of their very first concert in Bonn which included 20 songs in total.) In addition to the songs mentioned explicitly above, some old songs by Theatre of Tragedy were performed as well as songs from the solo-albums of Liv, Anneke and Kari and one out of two new songs which were written for this project. People interested in the entire setlist will surely find it somewhere on the net as well as live-clips from this performance as well as the other concerts they played. The singers were accompanied by Anneke’s band.

I was also lucky to get the chance to say hello to Anneke and Kari during their signing-session (Liv wasn’t there because of a photo-shooting – and maybe also because she was headlining with her own band Leaves’ Eyes later on the same night) – both seem to be very kind and nice persons. Funny side-note: When Kari saw my t-shirt, she wanted to take a picture of me with her mobile-phone (which she did). A new experience for me, because usually I’m the one who wants to take pictures of his favourite singers and not the other way round.

– Burkhard – November 2014